Editorial

Winter-Erlebnis

von Emil Ch. Giezendanner
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Winter-Erlebnis

Liebe Leserin, lieber Leser

Als sich kürzlich der Winter so richtig zu erkennen gab, erinnerte ich mich eines ebenso kalten Sonntagnachmittags im Januar. Der Elektroflug war noch nicht so richtig in Schwung gekommen, dafür gab es den wunderbaren OS-Wankelmotor, an dessen Entwicklung die Firma Graupner massgeblich beteiligt war. Als stolzer Besitzer eines solchen Rotationskolbenmotörchens und des dazu passenden Pkw von NSU war ich lange Zeit unschlüssig, wo ich denn diesen – ich meine den OS-Wankel – einsetzen könnte, bis ich zufällig auf den Robbe-Bausatz des polnischen Motorseglers SZD-45 Ogar stiess. «Wie gemacht für meinen Wankelmotor», dachte ich mir und baute das Modell (diese Baukästen enthielten noch ganz richtige Rippen und Holme aus Holz, und selbstverständlich wusste ich, dass das Flügelprofil von Wortmann

stammte usw.). Allerdings war sonst der Motorsegler ziemlich exotisch anzusehen. Richtige Liebe achtet jedoch selten auf Ästhetik, und so kam es, dass ich am besagten Sonntag voller Stolz mit Ogar und einer Flasche «Most» durch den tiefen Schnee zum Fluggelände stapfte. Das Gelände, das uns mehrheitlich für Hangflüge dient, ist ziemlich hügelig, was für mein Unterfangen gerade recht war, denn der breite, kaulquappenartige Rumpf schien mir für einen Start auf Schnee bestens geeignet. Der Fahrwerkschacht wurde zugeklebt, und die Startversuche des Motors konnten beginnen. Dass dies bei der grossen Kälte kein einfaches Unterfangen werden könnte, war mir klar. So drehte ich unverdrossen am Propeller, was meinen Wankel allerdings nicht im Geringsten zu beeindrucken schien. Da ich mich im Verlaufe dieser Übung zusehends aufwärmen konnte, schienen schliesslich auch die Hirnfunk-

tionen aufzutauen, und ich überlegte mir, dass der Motor womöglich infolge seines hängenden Einbaus Anlaufschwierigkeiten haben könnte. So drehte ich den Motor unter Entfernung der Haube und Trennung vom Drosselgestänge – schliesslich wollte ich fliegen und nicht drosseln – um 180 Grad, und siehe da, das Ding lief auf Anhieb und heulte, dass die Abruzzen-Wölfe ihre wahre Freude gehabt hätten. Endlich konnte es losgehen. Ich setzte das Modell in die vorher vorbereitete Schneespur und gab ihm einen Schups. Es wackelte wie eine lahme Ente durch den Schnee und schien kaum merklich zu beschleunigen. Ziehen nützte nichts, das drückte nur den Schwanz des Ogar in den Pulver – es war zum Verzweifeln! Da in meiner Gegend die Fluggelände ziemlich kurz sind, kam, was kommen musste: Das Modell torkelte schliesslich heulend ein Bord hinunter und entschwand meinen Bli-

cken. «Fehlstart!», dachte ich mir, «aller Anfang ist schwer», stellte den Sender in den Schnee und ging in Richtung des Abhangs, wo ich das Modell vermutete. Ich war gut zwanzig Meter durch den tiefen Schnee gepirscht, als ich plötzlich meinen Ogar heulend gegen den Himmel stechen sah. Kein Iron Man hätte schneller zum Sender zurückrennen können als ich. Trotzdem kam ich zu spät. Das Modell vollführte ein paar rasante Spiralen – zuerst auf- und dann abwärts ... und verschwand dann wieder hinter dem Hügel – diesmal aber richtig –, bevor ich die Hand am Steuerknüppel hatte. Und das Fazit von der Geschichte: Gib nie den Sender aus der Hand, solange du nicht genau weisst, was das Flugzeug im Sinn hat.

Mit freundlichen Grüssen

Emil Ch. Giezendanner



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