Editorial

Der Jäger, der Fuchs und die Modellflieger

von Emil Ch. Giezendanner
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Liebe Leserinnen, liebe Leser

Ein an einem Feldweg gelegener Modellflugplatz – der Weg führt ganz direkt zum nahen Wald – hatte besonders an den schönen Sommerabenden Hochbetrieb. Um genauer zu sein, mehrere Motormodelle surrten durch die laue Luft. Die Akteure versuchten sich im Kunstflug – vielleicht war es auch Akrobatik; denn während die Kunstflieger die Kunst des Figurenfliegens üben, freut sich der Akrobatik-Flieger am Zufall, sein ganzes Modell zu landen ... Nicht selten fuhr an solchen Abenden ein dunkelgrüner schwerer Geländewagen vorbei. Manchmal auch ziemlich schnell und der Fahrer schien «gestresst» (ein Wort, das damals noch niemand kannte, obwohl auch schon früher streng gearbeitet wurde). Den Fliegern schien, als ob der Mann keine besondere Freude an ihrem schönen Hobby hätte. Das glaubten sie an seinem Gesicht zu merken.

Als der Offroader eines Abends wieder vorbeifuhr, meinte ein Passant, dass es sich beim Fahrer um den Direktor eines Nobelhotels aus der Stadt handle. Der hätte für den nahe gelegene Wald eine Jagdpacht. Die Hobbyflieger glaubten, ab da begriffen zu haben, weshalb der Mann ein so ernstes Gesicht machte – denkt doch nur an die grosse Verantwortung! Doch siehe da, eines Abends hielt der Wagen plötzlich an – mitten im Pistenanflug – der Ernste stieg aus und kam auf die Gruppe der Modellflieger zu und fragte unerwartet freundlich, ob sie da hinten am Waldrand keinen Fuchs gesehen hätten. «Einen Fuchs gesehen?», meinten die Flieger ehrlich, «nein, haben wir nicht.» Wie sollten sie auch. Modellflieger schauen normalerweise in die Luft und eher selten in die Fuchshöhlen. Der Jäger bedankte sich und stieg wieder in sein Fahrzeug. Nun,

ganz spurlös ging die Frage des Jägers doch nicht an den Hobbyisten vorbei. Ab und zu schauten sie jetzt zum Waldrand und – kaum zu glauben, was man alles sieht, so man den Blick nur kurz vom Himmel nimmt – konnten den Fuchs beobachten. Der schien gar keinen Respekt vor den surrenden und sausenden Flugobjekten zu haben. Ganz gemütlich trabte er umher, suchte nach Mäusen und schaute ab und zu dem Treiben der Flieger zu. Auch die Modellflieger gewöhnten sich an den Fuchs und liessen ihren Blick in der beginnenden Dämmerung öfters zum Waldrand schweifen. So entstand eine kleine freundschaftliche Allianz zwischen dem Fuchs und den Modellfliegern. Manchmal aber kam es vor, dass von Meister Reinecke weit und breit nichts zu sehen war, und die Pessimisten unter den Fliegern meinten jedes Mal, dem Tier sei

etwas zugestossen. Bis sie eines Tages bemerkten, dass sich der Fuchs immer dann nicht zeigte, wenn das dunkelgrüne Fahrzeug auf dem Feldweg stand! Und so machte sich jeder seine eigene Moral von der Geschichte: Der Jäger war der Auffassung, dass der Fuchs sich wegen der Modellfliegerei nicht zeige – deshalb das ernste Gesicht; die Modellflieger waren sicher, dass der Fuchs «seinen» Jäger bestens kenne und der schlaue Fuchs, ja, was glaubte der wohl?

Mit tierliebenden Fliegergrüssen
Emil Ch. Giezendanner


Nachtrag: Der Nachweis ist somit erbracht, dass Füchse nichts gegen uns Modellflieger haben. Und wo Füchse sind, da sind auch Vögel – zumindest die berühmte Gans.



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