Gross-Segler Super Phoenix
Schon seit einiger Zeit spielte ich mit dem Gedanken, einmal einen Gross-Segler selber zu konstruieren und zu bauen. In Gedanken sah ich den Segler schon fertig; bereit zum ersten Flug. Eine Spannweite von fünf Metern, ein Gewicht von 3,8–4 kg und ein V-Leitwerk musste er haben.
Dass dieser Gedankengang nicht so leicht durchführbar ist, wurde mir sehr bald klar. Anfang Sommer 1976 war es so weit, mein Entschluss stand fest; ein Gross-Segler wird konstruiert und gebaut.
Ich fing an, Literatur zu sammeln und alles zu studieren, was irgendwie mit Gross-Seglern zu tun hatte. Was ich nicht schon selber an Büchern besass, wurde gekauft oder von Vereinskameraden ausgeliehen. Nach gründlichem Studieren dieser Bücher war ich eigentlich nicht sehr viel klüger als vorher, denn was ich zu finden hoffte, war mit wenigen Ausnahmen nicht der Fall. Als sehr gut fand ich die Eppler-Profilbücher, aus denen ich die Profile für meinen Segler nahm und die mir sonst noch einige nützliche Daten lieferten. Ich schrieb meine erworbenen Kenntnisse alle auf, doch was unter dem Schlussstrich stand, war sehr mager.
Über Segler mit V-Leitwerk fand ich gar nichts, mit Ausnahme der schon bestehenden Modelle wie Salto, Briliant, Orlice etc. mit den üblichen Spannweiten. Doch ich liess mich nicht entmutigen, denn mein Segler musste ein V-Leitwerk haben; so hatte ich es mir vorgestellt.
Ich fing an, auf einem A3-Millimeterpapier meine Gedanken und Daten aufzuzeichnen. Die Spannweite stand fest, fünf Meter. Es fehlte also nur noch das, was dazwischen war. Mein Verschleiss an Millimeterpapier war enorm, bis endlich das grob auf dem Papier war, was ich mir vorgestellt hatte.
Die ersten Schwierigkeiten begannen, als ich den Rumpf im Massstab 1:1 aufzeichnete. Da meine Platzverhältnisse zu Hause in einer 3-Zimmer-Wohnung beschränkt sind (ohne Bastelraum), musste ich ins Geschäft ausweichen. Hier stand mir ein genügend grosses Reissbrett zur Verfügung. Als ich die groben Umrisse des Rumpfes aufgezeichnet hatte (natürlich nach Feierabend), ging mir der Schrecken durch die Glieder. Das war ein Ding, mit Dimensionen, wie ich nie geglaubt hätte. Ich sah sofort ein, dass so ein Koloss in Holzbauweise für mich nicht in Frage kommt.
Ich legte den Entwurf für einige Zeit auf Eis und begann mit dem Aufzeichnen der Flügel. Auch hier stellten sich die gleichen Probleme ein wie beim Rumpf. Dass bei einem Segler mit fünf Metern Spannweite ein Flügel 2,5 Meter lang wird, wurde mir spätestens jetzt klar. Es gab nur eine Lösung für mich; die Flügel in vier Teile zu zerlegen. Ich entschied mich beim Entwurf für zwei Innenstücke von 1500 mm Länge und zwei aufsteckbare Aussenstücke von 1000 mm Länge, was ich auch bis zum Schluss beibehalten habe.
Es stellte sich heraus, dass diese Wahl gut war, denn die Flügel liessen sich in dieser Grösse bequem bauen. Ich fertigte eine Transparentzeichnung an, mit den Umrissen des Flügels und der Rippeneinteilung. Auf Details wollte ich mich noch nicht festlegen, denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Als Flügelprofile wählte ich die Eppler-Profile E 203–201–193, wobei der grösste Teil des Flügels E 193 ist. Zum ersten Male fertigte ich die Rippen im Blockverfahren an, was zu meinem Erstaunen sehr einfach und rationell vor sich ging. Die zwei Aussenflügel zu 1000 mm nahm ich zuerst in Angriff. Es ist unerlässlich, dass mit grösster Aufmerksamkeit die Flügel ohne jegliche Verwindung gebaut werden; spätere Korrekturen sind auf diese Länge kaum möglich. Es ist daher ratsam, eine Helling anzufertigen. Auch muss bei den Eppler-Profilen auf eine Profiltreue im Bereich der Nasenleiste und Endleiste geachtet werden, da sonst die maximalen Auftriebswerte nicht zu erreichen sind. Werden die Rippen im Blockverfahren angefertigt, dürfte das kaum Schwierigkeiten mit sich bringen.
Wesentlich mehr Arbeit benötigte ich für die zwei Innenflügel, infolge Einbau der Störklappen, die bei einem Gross-Segler sehr zu empfehlen sind. Diese werden vor der Beplankung der Flügel eingebaut, mit den entsprechenden Bowdenzügen zur Betätigung derselben. Flügel und Leitwerk habe ich mit 2-mm-Balsaholz beplankt und anschliessend mit Folie überzogen. Zum ersten Male zog ich die Folie mit einem Heissluftgebläse auf, was sehr zu empfehlen ist. Nur so kann eine tadellose Oberflächengüte erreicht werden, was für die Eppler-Profile ebenfalls sehr wichtig ist. Voraussetzung ist natürlich ein sauber geschliffener Flügel, frei von Schleifstaub und Schleifkörnern.
Überhaupt keine Schwierigkeiten bereitete das Überziehen der Unterseite, die ja eine konkave Form im hinteren Teil des Flügels hat. Hier wird unmittelbar nach dem Erwärmen der Folie mit einem weichen Lappen nachgerieben, was eine einwandfreie Haftung der Folie in diesem Bereich ergibt. Die Störklappen werden gleich mit dem Flügel überzogen und nachher einfach ausgeschnitten. Die Flügel waren soweit fertig, und nun konnte ich mich wieder dem Rumpf widmen.
In der Zwischenzeit war es mir gelungen, von einem Vereinskameraden einen Rumpf aus Epoxy zu bekommen, in Form von zwei Halbschalen. Grösse und Form entsprachen meinen Vorstellungen. Ich war meinem Ziel wieder einen Schritt näher gerückt. Zuerst musste ich mich an die Länge des Rumpfes gewöhnen, denn immer wenn ich ihn in die Hand nahm, stiess ich entweder an der Decke oder an der Wand an.
Ein bisschen ungewohnt war für mich die Bearbeitung der Halbschalen – sie hatten in der Trennung noch Übermaterial – und das Zusammenkleben der Hälften, denn ich hatte noch nicht so viel Erfahrung mit diesem Werkstoff. Aber auch diese Hürde hatte ich genommen und bin dadurch wieder um ein paar Erfahrungen reicher geworden.
Flügelansätze waren am Rumpf nicht vorhanden, was für mich sehr positiv war. Den Rumpf spannte ich nach dem Zusammenkleben und Verschleifen in Fluglage auf eine Helling; so war es mir möglich, exakt den Einstellungswinkel und die Ansätze für Flügel und Leitwerk anzureissen. Es vergingen einige Wochen, bis es endlich so weit war, dass ich das erstemal die Flügel an den Rumpf stecken konnte. Für dieses Vorhaben war unser Wohnzimmer gerade gross genug in der Diagonale.
Meine ganze Familie stand nun um Vaters Werk, und meine Frau fragte mich mit Kopfschütteln, ob das Ding auch fliegen wird. Ehrlich gesagt, mir war auch nicht ganz wohl, als ich den Segler so daliegen sah. Mein Kopf war mit Gedanken voll, wie
- stimmt der Einstellwinkel,
- sind die Flügel stabil genug und
- wie gross muss wohl das V-Leitwerk werden, damit dieser Segler ohne Querruder gut zu steuern ist?
Bei den Dimensionen des V-Leitwerks suchte ich bei den bestehenden Modellen eine Verhältniszahl, die ich dann auf mein Modell übertragen konnte. Aber alle Rechnererei nützte nichts, ich fand diese Zahl nicht. Es gab zu grosse Unterschiede. Auch in der Literatur fand ich nichts über V-Leitwerke. Mir blieb nichts anderes übrig, als aus Sperrholz einige Muster anzufertigen, in verschiedenen Grössen, und von Auge abzuschätzen, welches zu Rumpf und Flügel passte. Mit gemischten Gefühlen baute ich noch diese zwei Leitwerke; erst später, beim Fliegen, stellte sich heraus, dass ich gut gewählt hatte. Der Segler war bis auf die Kleinarbeit, wie Kabinenhaube, Einbau der Rudermaschinen und Gestänge, fertig.
Dass diese Kleinarbeit noch ziemlich Zeit in Anspruch nahm, musste ich bald erfahren. Da waren Steuergestänge von 1600 mm Länge, die ich auf Biegung sichern musste, und auch die Kabinenhaube, die doch eine respektable Grösse besitzt, konnte ich nicht in herkömmlicher Bauart anfertigen.
Ende November war es dann soweit; mein Gross-Segler Super Phoenix war fertig. Nach sorgfältiger Ermittlung des Schwerpunktes stellte ich ihn auf die Waage. Sie zeigte ein Fluggewicht von 4450 g an, was eine Flächenbelastung von 37,87 g/dm2 ergab. Ich glaube, ich darf zufrieden sein.
Am folgenden Samstag war es dann soweit. Um 09.15 Uhr standen wir, Fritz Frankhauser (unser Vereinspräsident, der mir während der Bauzeit einige Tips gegeben hatte), Paul Kübler (von ihm hatte ich den Rumpf) und ich auf unserem Motormodellflugplatz in Neuhausen am Rheinfall. Der Segler war bereit für seinen ersten Gleitflug. Letzte Ruderfunktionskontrolle, und was mussten wir feststellen, das Seitenruder war verkehrt angeschlossen. Was ich immer nur von anderen gehört hatte und mir sicher nie passieren würde, war eingetreten. Das Missgeschick, das bei allen ein Lächeln auslöste, war auf dem Platz schnell behoben.
Nachdem ich den Segler traditionsgemäss zuerst fotografiert hatte, stand dem ersten Gleitflug nichts mehr im Wege. Ich hatte beide Hände voll zu tun, den Segler gegen den Wind zu halten, denn er blies kalt und böig über den Platz. Es herrschten nicht gerade die besten Wetterverhältnisse für den ersten Gleitflug.
Ich wartete einen günstigen Moment ab und rannte los. Nach ein paar Metern übergab ich den Segler seinem Element. Ich war sehr gespannt auf die Reaktion des Seglers. Ausser, dass er zuviel Tiefenruder hatte, das mit dem Steuerknüppel zu korrigieren war, passierte nichts. Nach ca. 25 Metern setzte er wieder auf der Piste auf.
Nachdem ich die Nullstellung der Höhenruder korrigierte, folgten noch einige Gleitflüge, die zur Zufriedenheit aller Anwesenden verliefen. Leider liessen es die Wetterverhältnisse nicht zu, dass wir den Segler noch am Hang testen konnten. Als Ergebnisse dieser Gleitflüge konnte ich folgende Punkte festhalten:
1. Der Segler flog, was für mich die grösste Genugtuung war.
2. Höhenrudervirkung ist sehr stark.
3. Gleitwinkel sehr gut.
4. Einstellwinkel i. O.
5. Flugbild fantastisch.
Ich war sehr zufrieden mit den Ergebnissen und war sehr neugierig, wie der Segler sich am Hang bewähren würde. Am darauffolgenden Samstagmorgen trafen wir uns auf unserem Hangfluggelände. Die Windverhältnisse waren geradezu ideal, doch war alles im Nebel.
Nach ca. einer Stunde ungeduldigen Wartens löste sich der Nebel endlich auf. Wir waren alle sehr gespannt, wie der Segler auf das Seitenruder ansprechen würde. Nach dem ersten Flug am Hang waren alle Zweifel verfliegen. Die Seitenrudervirkung ist sehr gut. Er reagiert sofort und kommt auch gut wieder aus der Querlage. Das Flugverhalten übertraf alle meine Erwartungen. Es war für mich keine grosse Umstellung von 3,5 Metern auf fünf Meter Spannweite, was das Fliegen betrifft. Bei der Landung sieht es ein bisschen anders aus. Hier darf die Fluggeschwindigkeit nicht unterschätzt werden. Es ist ratsam, den Landeanflug grossräumig zu wählen. Als wertvolle Hilfe erwiesen sich hier die Störklappen, die meiner Ansicht nach für einen Segler über 3,5 Meter Spannweite unentbehrlich sind.
Als Schlussbetrachtung darf ich sagen, dass meine Erwartungen in diesen Segler betreffend Flugleistungen, Steuerbarkeit, Flugbild voll erfüllt sind. Es ist jedesmal ein schönes Erlebnis, so einen Gross-Segler zu steuern.

B. Ferri ist kurz nach der Niederschrift dieses Berichtes nach Südamerika ausgewandert, so dass wir keine weiteren Informationen zum Modell bekommen können.


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