Erster Wasser-F-Schlepp mit Modellflugzeugen
Gleich zu Beginn dieses Artikels eine Warnung an alle «seriösen» Modellflieger, die meinen, sie müssten der Frau Nachbarin, die jeweils beim Einladen der Modelle ins Auto interessiert zuschaut, immer wieder erklären, dass unser Hobby eine ausschliesslich ernsthafte Sache sei, die mit dem Spieltrieb der Buben von nebenan nichts zu tun habe. Bitte lest diesen Artikel nicht, denn er geht ganz bewusst ins Kapitel «Wider den tierischen Ernst»! Zudem sehen Wasserflieger das Leben meist etwas lockerer als modellfliegende Landratten.
Es muss an einem trüben, kalten und verregneten Tage gewesen sein, als mein Sohn Benjamin und ich über sinnvolle und sinnlose Aktivitäten und Rekorde sinnierten. So kamen wir auf das Guinness-Buch der Rekorde. Mein absoluter Blödeheits-Favorit ist: Wie lange kann jemand auf einer Stange sitzen, bis er herunterfällt? Benjamin hingegen findet den längsten Kuss, der laut Guinness-Buch 31 Stunden 30 Minuten und 30 Sekunden gedauert haben soll, wesentlich aufregender.
Dann hirnnten Benjamin und ich über alles, was im Flugbetrieb schon gemacht und eben nicht gemacht wurde, nach. Vom Brushless bis zur Turbine, vom Hexakopter bis zum Schwenkflügler, Hovern, Torquen, 3 bis 4 D... alles schon da gewesen ... Schnee von gestern ...
Aber dann ein Geistesblitz: Noch nie wurde ein Modell-Segelflugzeug vom Wasser aus mit einem Schleppflugzeug in die Luft geschleppt! Ja klar, das müssen wir unbedingt machen und als Helden der Lüfte in die Geschichte eingehen. Doch just in diesem Moment musste die Sonne aus den Wolken hervorblinzeln haben, denn Benjamin und ich gingen Wasserfliegen und vergassen unser Projekt. Damit wäre unsere Geschichte schon (fast) zu Ende, wäre da nicht noch ein anderer auf diese Idee gekommen ...
Da Peter Hofer, mein guter Freund und Wasserflug-Guru aus dem Urnerland, weiss, dass ich auf verrückte Ideen sehr positiv anspreche, verkündete er mir eines Tages seinen neusten, absolut genialen Einfall: Der welterste Wasser-F-

Schlepp! Doch da Peter stets Nägel mit Köpfen macht, ging diesmal die Geschichte weiter. Nun wurde «ernsthaft» diskutiert, was man zu diesem heiteren Projekt benötige. Ein Schlepper, meine Jamara-Piper Cub J3 mit 1,72 m Spannweite und einem «enorm kräftigen» 4S-Antrieb (Titelbild mfs 1/2008, Story: «Winterfliegen am See») samt Schlepp-
kupplung, war bereits vorhanden und wäre bereit, sich für dieses Projekt zu opfern. Peters Modell könnte der Easy Glider von Multiplex, ein Segler mit 180 cm Spannweite, sein. Dieser leichte Schaumvogel sollte problemlos in die Luft zu bringen sein – dachten wir. Als weitere geniale Idee wollte Peter einen Mini-Hilfsantrieb in seinen Segler einbauen, damit

der Segler den Schlepper immer wieder auf geradem Kurs hält, also jede Kurvenfahrt unmöglich.
Erste Erkenntnis: Keine Kurvenfahrt des Schleppgespannes auf dem Wasser möglich.
Ein weiteres Startproblem besteht darin, dass der Wind den Schlepper in der kurzen Wartephase vor dem Start – also bis der Segler-Pilot seine Mediationen beendet hat – langsam aber sicher zur Seite drückt. Mit Seitenwind zu starten wäre jedoch glatter Selbstmord. Da keine Kurvenfahrt im Gespann möglich ist, muss der Schlepper am Seil zurückgezogen werden und kann erst dann wieder Richtung Wind Fahrt aufnehmen.
Aber bald ist es so weit: Gefühlvoll Gas geben, das Seil spannt sich und das Gespann braust ab. Nach wenigen Metern hebt der Segler ab und etwas später auch der Schlepper. Doch die Schleppschnur erweist sich als zu kurz. Peter hat Mühe, den Segler auf Kurs zu halten, taumelt in der Schlepper-Turbulenz hin und her und muss nach wenigen Metern klinken. Da Peters Mini-Segler-Antrieb noch nicht funktioniert, muss er den Segler weit draussen mit dem Rettungskreuzer – sprich Gummiboot – holen. Doch der erste Schritt ist auf

dieser nach der Landung aus eigener Kraft ans Ufer zurückkehren könnte. Man beschloss, sobald Peter seinen Segler bereithätte, einen Schlepp-Versuch durchzuführen. Und tatsächlich: Rund 2 Wochen später kam es zum ersten Versuch.
Peter, meine Frau Maja als Fotografin und ich treffen uns am Urnersee, genauer am Bolzbach, wo sich die Urner Wasserflieger jeden Sonntagmorgen vor dem wohl herrlichsten Alpenpanorama dieser Welt zum genüsslichen Wasserfliegen treffen und Gäste stets willkommen sind. Ich übergebe Peter die Rolle mit einer Maurerschnur, und er bestimmt gefühlsmässig eine Länge von rund 5–6 Meter. Die Flugbedingungen sind ideal: nur schwacher Wind, kaum Wellen. Also Schleppschnur an den Schlepper und ab ins Wasser. Wir möchten natürlich – und wie es sich gehört – gegen den Wind starten. Ich versuche also das Gespann auszurichten. Doch das geht nicht, weil
Anhieb erfolgreich getan! Der Modell-Wasserflug-Segler-Schlepp ist möglich und zum ersten Mal auf dieser Welt erfolgt! Technische Probleme verunmöglichen weitere Versuche; es wird erst mal gefeiert. Doch uns ist klar: Noch ist die Sache nicht gewonnen. Das Ziel ist ein perfekter Schlepp mit einem tiefen Vorbeiflug des Gespannes. Dann perfekte Landungen und eine sichere Rückkehr des Seglers aus eigener Kraft.
Beim nächsten Versuch muss also erst mal eine wesentlich längere Schleppschnur benutzt werden. Und rund 10 Tage später kommt es zum nächsten Versuch.
Erneut ein wunderschöner sonniger Sonntagmorgen. Die Schleppschnur hat nun eine Länge von 15 Metern. Und los gehts! Doch der Segler will und will nicht abheben und

klebt auf dem Wasser. Nach diversen Versuchen ohne abzukeben beenden wir die Session, um eine Denkpause einzuschalten. Es wird gerätselt, ob der Schlepper eventuell etwas zu schwach auf der Brust ist. Vielleicht wäre meine grössere, von 5S angetriebene Piper Super Cub die Lösung. Doch mit brachialer Gewalt Probleme zu lösen, erscheint uns dann doch nicht der richtige Weg zu sein. Und «grosser Schlepper zieht kleinen Segler» sieht doch auch recht jämmerlich aus. Kommt nicht infrage! Erst mal müssen wir den/die Fehler finden und lösen, dann sollte, ja muss es möglich sein, den relativ leichten Segler mit vernünftiger Kraft in die Luft zu kriegen. Wie es Majas Fotos zeigen, muss es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die lange und relativ schwere, durchnässte Schnur
sein, die nicht aus dem Wasser kommt, den Segler herunterdrückt und am Abheben hindert. Wir beschliessen, die nächsten Versuche mit einem Schleppseil aus Silch durchzuführen. Mein Sohn Felix entwendet dazu seinen Kindern eine Rolle Bastel-Silch mit 0,35 mm Durchmesser, der mir genügend stark erscheint.
Bei den Schlepp-Vorbereitungen am Strand verheddert sich der dünne, gelockte und praktisch unsichtbare Silch dauernd an Steinen und am Boden liegenden Ästchen und wickelt sich ekelhaft um Beine und Füsse ...! Dennoch kommt es zum ersten Start. Der Segler hebt viel zu früh ab, schiesst steil in die Luft, vollführt eine neuartige, sehr attraktive Kunstflugfigur, um dann eben-

so steil wieder herunterzukommen und sich mit beeindruckender Spritzfontäne ins kühle Nass zu bohren! Verflucht und zugenäht! Was war passiert? Nach der Bergung war die Ursache rasch gefunden: Der gewellte Silch hatte sich in der Vorbereitungs- und Startphase im Antrieb verfangen. In der Folge lag der Angriffspunkt des Seils unter dem Segler und relativ weit hinten. Bei der Ermittlung, ob meine Klinke auch wirklich funktionierte, fiel mir zudem auf, dass sich ein Knopf im Schleppseil im relativ dünnen Spalt zwischen Seitenleitwerk und Seitenruder verfangen hatte und der Silch Gott sei Dank riss! Dieser Spalt wurde in der Folge auf hässliche 2 mm ausgeweitet. Die Verspannungen der Leitwerke wurden bereits vor den Versuchen aufgrund negativer Erfahrungen entfernt.
Peters Rückkehr-Antrieb funktioniert nun und alle Vorbereitungen klappen bestens. Doch der Segler will einfach nicht abheben. Beim Versuch, den Segler an Land am Schwanz zu halten und erst bei Vollgas plötzlich loszulassen, reisst der doch zu schwache Bastel-Silch. So schwach ist der Schlepper also auch wieder nicht! Immerhin fliessen 52 Ampère zum Motörchen, welche einen Standschub von rund 2,5 kg erzeugen. In der Folge muss erstklassiger Fischer-Silch her! Weiter muss eine Massnahme gefunden werden, damit der Segler beim Beschleunigen die Nase hochhebt und Luft unter
die Flügel kommen kann. Nach intensiver Nutzung unserer Denkapparate kamen wir zum Schluss: Peter wird eine Stufe einbauen! Alle anständigen Wasserflugzeuge haben ja diese Stufe, und die brauchen wir ganz gewiss auch ...
Peter erscheint mit einem Segler mit perfekter Stufe auf dem Areal. Die Stufenkonstruktion reicht von der Nasenspitze bis knapp hinter den Schwerpunkt. So soll es – ja so muss es sein! Wir ahnen, ja wir wissen es: Heute wird es klappen! Wir wählen aus meiner neuen und professionellen Silch-Sammlung den stärksten Fischer-Silch mit einem grimmig dreinschauenden Hecht auf der Verpackung. Er – der Silch – hat 0,4 mm Durchmesser und eine beachtliche Zugkraft von 10 kg. Während Peter, wackelig auf einem Felsbrocken stehend, seinen Vogel noch am Schwanz hält, gibt meine Piper am anderen Ende des Schlepp-Silchs Vollgas und sein tüchtig drehender APC 13x6,5 Zoll E-Propeller kann es kaum erwarten, das Gespann endlich in die Luft zu befördern. Das Schleppseil kommt nun vollständig aus dem Wasser, und Peter lässt dem Gespann freien Lauf. Nach wenigen Metern geht der Segler auf Stufe, kommt anschliessend wie erwartet ins Gleiten und hebt wunderschön und nicht zu steil ab. Gekonnt hält Peter seinen Segler zunächst tief, und dann ist auch meine Piper airborne. Zügig gehts nun in die Höhe. Dann wird etwas frühzeitig geklinkt. Ich rase steil hinunter zum

Wasser. Da kein Fotograf da ist, möchte ich Peters nun folgende Vorstellung fotografisch einfangen. Doch bis ich gelandet bin und mein Modell sicher auf die Wiese gestellt habe, ohne das Wasserruder abzuwürgen, ist auch Peter wieder unten und kommt gemütlich mit seinem perfekt funktionierenden Antrieb ans Land. Nach dem nächsten, ebenfalls gut geglückten Start wird in grösserer Höhe geklinkt. Wieder sause ich steil hinunter, greife zum Fotoapparat und fotografiere, wie Peter herrlich zwischen den Bergen nach «See-Thermik» sucht (die es gar nicht geben soll) und dann gemütlich aufs Wasser hinuntergleitet. Nach einer perfekten
Landung kehrt sein Modell wiederum aus eigener Kraft zurück.
Es folgt das obligate Schulterklopfen und es hagelt Sprüche wie «We are the champions» etc. Jetzt kann nichts mehr schief gehen! Doch Übermut tut selten gut und wir wollen noch den nahen und tiefen Vorbeiflug im Gespann üben. Also erneut ein perfekter Start und etwas Höhe gemacht. Dann aber möchten wir wieder etwas sinken, um dicht über dem Wasser an uns vorbeizufliegen. Ich drossle meine Piper und der langsam drehende Propeller bremst mich wie gewünscht ab. So kann ich problemlos
langsam sinken. Nicht so Peters aerodynamisch gar nicht übler Schaumstoff-Flugkörper, der ohne jegliche Brems- und Störklappen Fahrt aufholt und mich zu überholen droht. In der Folge kommt es zu einer ungemütlichen Szene, an dessen turbulent-dramatischen Verlauf ich mich nicht mehr genau erinnern kann/will. Über die Folgen schweigt des Sängers Höflichkeit. Wir beschliessen, mit einem Segler ohne Störklappen keine tiefen Vorbeiflüge mehr zu versuchen.
Gespannt warten wir auf Reaktionen von anderen spleenigen Wasserfliegern, die den Wasserflug-Segler-Schlepp eventuell schon Jahre vor uns «top secret» durchführten. Mit ihnen zusammen könnte dann die «NGDVFWS» (Nicht-ganz-dichter Verein zur Förderung des Wasser-F-Schlepps) gegründet werden. Wer mehr über die Konstruktion des Wasserflug-Seglers und generell über den Wasserflug erfahren will, wende sich an Peter Hofer: info@modellbau-zentral.ch/079 429 62 25. Wer zudem auf www.youtube.com den Suchbegriff «Wasser-Segler-Schlepp» eingibt, kann sich ein Video von einem der ersten Wasser-Segler-Schlepps am Urnersee ansehen.
Mit dem – unseres Wissens – ersten Wasser-F-Schlepp mit Modellflugzeugen wurde eine feuchtfröhliche Schnapsidee realisiert. Die Welt ist nun um ein Modellflug-Gaudi reicher, das aber aufgrund des geschichtlichen Hintergründes als gar nicht so saublöd erscheint, wie wir zuerst dachten. Darauf sind wir stolz – denn: Spass muss sein! Und Prost!
Hans Jürg Baum & Peter Hofer Bilder: Markus Ramseyer, Maja Baum


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