Geld und Geist – oder die verlorene Unschuld der Luftfahrer

Liebe Leserin, lieber Leser
Im vergangenen Sommer hatte ich Gelegenheit, zwei Wochen auf einem kleinen Flugplatz in Rumänien zu verbringen. Wir haben dort die Elektroflugweltmeisterschaften durchgeführt. Ich fühlte mich 50 Jahre in meinem Leben zurückversetzt. Alte Erinnerungen stiegen in mir auf: Da war (und ist noch heute) auf Sichtweite in meiner Nachbarschaft der kleine Flugplatz Speck. Ein Flugplatzchef, der für das Fliegen lebte. Wohl Tag und Nacht auf seinem Flugplatz verbrachte. Er hatte ein grosses Herz. Die jungen Flugbegeisterten wurden bei ihm aufgenommen, wie es ein Vater besser nicht könnte. Durch ihn ist auch mein Bruder schon als Sekundarschüler in die Familie der Luftfahrer eingeführt worden. Da war auch eine Handvoll Piloten. Die meisten mussten sich das Fliegen vom Mund absparen. Fliegen heisst arbeiten! So hiess dort das wohl erfolgreichste Jugendkonzept, das im AeCS je umgesetzt wurde. Es wurde nicht per Powerpoint transportiert, sondern ganz einfach durch das Vorbild der «grossen Piloten». Sei es in der Werkstatt, im Hangar oder auf dem Vorplatz, die Flieger hatten immer Arbeit. Zwischendurch kam dann der verdiente Lohn: Ein Flug mit dem Chef. Der Flugplatzchef in Rumänien, seine vollamtlichen Segel- und Motorfluglehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern und dem Mechaniker haben mich immer wieder
an die alten Zeiten erinnert. Der Flugplatz war nicht von Anfang an als Austragungsort für die WM 06 geplant. Zuerst war ein anderer, wesentlich grösserer Platz vorgesehen. Der dortige Commander – eine Kopie aller alten Flugplatzchefs der Welt – versprach uns jede Hilfe. Wir hätten den Platz für acht Tage benötigt. Fliegen war ihm das Wichtigste, egal ob gross oder klein, und nichts schien unmöglich. Doch in anderthalb Jahren war alles anders. Da standen plötzlich modernste Flugzeuge, u. a. zwei Suchoi Kunstflugmaschinen – ja sogar grosse zweimotorige Flugzeuge. Ihr könnt die WM durchführen, hiess es, aber den Platz nicht allein benutzen. Wir wollen den Flugbetrieb nicht einfach für acht Tage einstellen und benötigen Zeitfenster, wo wir starten und landen können. Jetzt habe ich solche Erfahrungen zum Glück – oder auch zum Unglück – bereits in Ambri gemacht. Noch als Platz unserer Luftwaffe etwas kompliziert, aber immerhin für uns allein reserviert und zusammen mit unseren Tessiner Kollegen wunderschöne Wettbewerbe durchführen können. Das Militär ging, und unsere «grossen Kollegen» kamen und immer mehr auch das Business. Zwei Tage den Flugplatz für den Modellflug zu schliessen rentiert nicht, hiess es, und damit ging Ambri dem Modellflug verloren. Deshalb habe ich den kleinen Flugplatz in Rumänien dem grossen
vorgezogen. Das jüngste Beispiel ist die F3A-Europameisterschaft in Buochs. Da wurden die Modellflieger durch das Business – vielleicht auch durch die Arroganz der «Grossen» – an den Rand des Flugplatzes neben die Autobahn verdrängt. Jede Menge Infrastruktur mit Hartplätzen, Hangars, Toiletten usw. wäre auf dem Platz vorhanden. Die Modellflieger mussten alles selber auf einer Wiese installieren, und im Training durften aus Sicherheitsgründen keine Rollenkreise geflogen werden. Der «grosse» Flugbetrieb, der übrigens kaum stattfand – fast lächerlich – ging allem vor. Komme mir deshalb niemand mit Sicherheit und ähnlichen Schikanen. Letztlich gehts um zwei Dinge: Erstens ums Geld und zweitens um Wichtigtuerei und Bürokratie. Ich denke, dass wir in der schweizerischen Luftfahrt gröbere Probleme zu lösen hätten, als die mit uns Modellfliegern. Auch die Businessflieger auf ihren alten/neuen Militärflugplätzen sind auf den guten Willen der Bevölkerung angewiesen, und wir Modellflieger müssen uns in Zukunft überlegen, wie weit wir mit unserer Stimmkarte solche Entwicklungen beeinflussen wollen. Als Mitglied eines fliegerischen Dachverbandes – wir sind alle Flieger – heisst es doch so schön, schäme ich mich für die Sturheit und Arroganz solcher «Kollegen»!
Mit freundlichen Grüssen
Emil Ch. Giezendanner

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