Titelstory

Technik im Einklang mit der Natur

von Emil Giezendanner
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Ein gewisses Mass an Naturverbundenheit bringt jede Form des Segelflugs mit sich. Ganz besonders aber der Hangsegelflug. Wenn dazu die Steuerung des Flugzeuges allein mit Hilfe des Magnetfeldes der Erde erfolgt, dann ist die Beziehung zwischen Natur und Technik nahezu ganzheitlich.


Die Natur und das Glück des Tüchtigen

Wer ist nicht schon nach einer anstrengenden Bergwanderung an der Kante eines nicht zu steil abfallenden Geländes gestanden und hat in die Tiefe des Tals und gleichzeitig in die Weite des Horizonts geschaut? Wie schön wäre es doch, wenn ich hier ein sanft gleitendes Segelflugzeug starten könnte, ohne zu steuern, allein dem Spiel von Thermik und Wind überlassend, um zu beobachten, wo es nach langem Flug schliesslich aufsetzt? Beim Hangfliegen mit Magnet- oder Kompasssteuerungen bestimmt der Akteur zwar die (allgemeine) Richtung sowie die Flugzeit, doch welchen Weg das Modell dann wählt und wo es am Schluss landen wird, lässt sich nie genau «programmieren». Die Launen der Natur haben in dieser Wettbewerbsklasse einen grossen Anteil. Topografie, Sonneneinstrahlung sowie Richtung und Geschwindigkeit der Winde sind ganz besonders ein paar wenige Meter über Grund unberechenbar. Und trotzdem sind die erfolgreichen Flüge nicht einfach Glückssache, sondern das Resultat von Know-how, kluger Flugtaktik und sorgfältiger Vorbereitung. Einmal gestartet, gibts kein Zurück – dann heisst es «nur» noch Abwarten, das Modell mit dem Feldstecher zu verfolgen und laufend die Uhr zu konsultieren. Ungeheuer spannend bis zum erlösenden Aufsetzen.



Gut verpackte Modelle für jedes Wetter und jeden Wind.



F1E-Modelle des Schweizer Teams vor der Modellkontrolle.



Jedes Modell wird genau vermessen.


Kompass-Steuerungen – sensible Wunderwerke

Die Funktionsweise des Kompasses ist seit der Antike bekannt. Wer aber die Kompasssteuerung erfunden hat und wann, konnte ich leider nicht herausfinden. Die ältesten Quellen deuten darauf hin, dass zumindest das Prinzip zwischen 1925 und 1930 bereits bekannt gewesen sein muss. Als Schüler baute ich in den Fünfzigerjahren das von Fred Militky konstruierte Hangflugmodell Cobra. Graupner brachte dazu einen Bauplan heraus; ebenso war die Steuerung – bestehend aus einem Stabmagneten mit Achse und Lagerung – erhältlich. In dieser Zeit lernte ich die Funktionsweise dieser Steuerung aus eigener Erfahrung kennen.

Auch das Fliegen mit meiner Cobra an unserem «Haushang» war für mich sehr lehrreich und spannend. Später hatte ich die Ehre, zahlreiche sehr erfolgreiche Hangflug-Spezialisten und auch Konstrukteure kennenzulernen: Max Moor, Werner Baumann, Maurice Bodmer, Heinz Weiss, Werner Hauenstein, Robert Haller, Fredy Bickel, Werner Heise, Francois Tapernoux und viele andere mehr. Diese Zeit, es dürfte Mitte der Sechzigerjahre gewesen sein, könnte man als Hochblüte des Magnetfliegens bezeichnen.



Sorgfältige Auswahl des Flugmaterials ist wichtig.



Montage.


Letzte Einstellungen vor dem Start.



Warten an der Startstelle auf gute Bedingungen.



Geduldiges Beobachten.



Konzentration ist alles.



Modellabgabe will gelernt sein.



F1E-Hangsegelflug aus der Sicht eines Mannschaftsleiters

1. Magnetflieger sind Wettbewerbsflieger

Die Magnetflieger sind typische Wettbewerbspiloten. Sie treffen sich für das Training, für gemeinsamen Erfahrungsaustausch und die fliegerische Erfahrung an nationalen und internationalen Wettbewerben, an Welt-Cups, an Europa- und Weltmeisterschaften an geeigneten Hängen oder im Hochgebirge. Insgesamt werden bei einem Wettbewerb 5 Durchgänge geflogen. Die in Wettbewerben geforderte Maximalflugzeit, 120 bis 300 Sekunden, wird je nach Gelände, Witterungsbedingungen und Windgeschwindigkeit von der Wettbewerbsleitung festgesetzt. Landet das Modell nicht vor der geforderten Maximalflugzeit, löst ein Zeitschalter die Thermikbremse aus. Das Höhenleitwerk wird hochgeklappt und das Modell «heruntergebremst».

2. Wettbewerbserfolge

Zum Wettbewerbserfolg führen:

  • Absolute Beherrschung der Technik am Modell
  • Auswahl des richtigen Modells
  • Richtige Trimmung, um die Geschwindigkeit des Modells der Windgeschwindigkeit anzupassen
  • Einschätzung der Windgeschwindigkeit
  • Korrekte Einstellung der Flugrichtung
  • Taktik und Koordination Geradeausflugzeit und Kurvenzeit
  • Einschätzung des Geländes
  • Beobachtung der anderen Konkurrenten und des Wetters (Meteorologie)
  • Modell ohne Unsicherheitsquellen
  • Beherrschung der Starttechnik
  • Grosse Wettbewerbserfahrung.

3. Selber Modelle entwerfen und bauen

Die meisten F1E-Piloten bauen ihre Modelle selber. Sie entwerfen sie sogar in vielen Fällen selbst. Erfolgreiche Piloten bauen sich ein Leicht-Windmodell, ein Starkwind-Modell und für den «Fly-off» ein Modell mit extrem hoher Leistungsfähigkeit.

4. Verzugsfreie Modelle

Während man bei Thermikmodellen in anderen Freiflugklassen bewusst eine Verwindung der Flügel einbaut, ist der exakte und verzugsfreie Bau des Magnetmodells äusserst wichtig. Nur so fliegt das Modell in der eingestellten Richtung, ohne dass es zu grösseren Kursversetzungen kommt.

5. Starke sportliche Komponente

Die sportliche Komponente in der Wettbewerbsphase beinhaltet eine komplexe Taktik und ein breites Spektrum von Fähigkeiten, wie Kenntnisse der Mikro-Meteorologie, Lokalisierung der Thermik für den richtigen Startzeitpunkt und nicht zuletzt eine faire sportliche Einstellung und eine sehr gute körperliche Verfassung.

6. Supergefühl

Jeder Pilot verspürt ein Supergefühl, wenn sein Modell nach dem Start aus seiner Hand langsam und graziös in der Luft steht, ein «Max» fliegt und dann mit der Thermikbremse herunterkommt. Modellflugsport pur!

Rainer Sperisen



Portrait eines F1E-Modells

Wenn während des Fluges das Modell aus der gewünschten Richtung dreht (der Magnet und damit das Seitenruder seine Nord-Süd-Richtung logischerweise beibehalten will), führt dies in Bezug zum Modell zu einem Ruderausschlag. Deshalb sind die meisten Modelle mit einer Kopfsteuerung ausgerüstet, welche bekanntlich gegenüber der Hecksteuerung umgekehrt wirkt. Lange Rumpfe und geknickte Flügel verleihen dem Modell die gewünschte Stabilität, wobei gleichzeitig die lange Rumpfnase, mit der zuvor der sitzenden Steuerung, die nötige Hebelwirkung für eine Richtungsänderung um die Hochachse erzeugt. Um die Fluggeschwindigkeit auf die Windgeschwindigkeit abzustimmen, wird Ballast zugeladen bzw. mit grösseren oder kleineren Modellen geflogen.


... und die Athleten

Wie überall im Modellflugsport ist die Technik die eine Seite, die andere ist der Mensch selber. Die Hang-Freiflieger müssen körperlich fit sein. Während die Hochstartkonkurrenten vor dem Klinken auf dem ebenen Fluggelände rennen und Thermik suchen, müssen die Hangflieger mehrmals pro Tag ins Tal hinabsteigen und unter Mit Hilfe der oben gebliebenen, mit Feldstechern und Funk ausgerüsteten Kollegen ihre Modelle bergen. Diese Aktionen dürfen nicht zu lange dauern, müssen doch die Sportler schon bald wieder für den nächsten Start bereit sein. Da zwischen den Flügen oftmals auch Korrekturen am Modell oder kleinere Reparaturen in Verbindung mit entsprechenden Probestarts notwendig werden, bedeutet dies für die Athleten, möglichst rasch zur Startstelle zurückzukehren. Sportliche Leistungen, die nicht selten bis an die Grenze physischer Belastbarkeit gehen. Modellflugsport eben!


Was ist F1E?

F1E ist die internationale Klassenbezeichnung für magnetgesteuerte Segelflugmodelle (max. Flügel- und Höhenleitwerkfläche 150 dm2; max. Flächenbelastung 100 g/dm2; max. Fluggewicht 5 kg). F1E ist eine Freiflugklasse (kein Einsatz von RC-Anlagen für die Steuerung). Die Hangflugmodelle, auch Magnetsegler oder selbst gesteuerte Modelle genannt, werden mithilfe einer Magnetsteuerung auf dem Modell selbst gesteuert. Die Modelle haben Spannweiten von 1600 mm bis 3000 mm. Gestartet werden die Modelle am Hang aus der Hand und gegen den Wind.



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