Titelstory

Die Zukunft fliegt leise und effizient

von Rahel Meister
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Schon immer war Marco Buholzer fasziniert von der dritten Dimension: Mit 13 Jahren begann er mit dem Modellfliegen; es folgten die fliegerische Vorschule, Privatpiloten- und Linienpilotlizenz, und heute ist der Unternehmer aus Buttikon Inhaber der ersten Schweizer Elektroflugschule Pitch Power in Schänis.



Der Föhn wütet, die Böen sind sogar im Talgrund mit voller Wucht spürbar – mit Fliegen wird das heute nichts. Selbst der riesige Sonnenschirm mit dem massiven Betonsockel musste sich geschlagen geben und liegt jetzt auf der Terrasse des Flugplatzrestaurants. Ein Besuch in Schänis lohnt sich dennoch, denn im Hangar steht etwas Besonderes: ein komplett elektrisch angetriebenes Kleinflugzeug, eine Alpha Electro des slowenischen Herstellers Pipistrel.


Leise, ökologisch und effizient

Seit der Pilot und Fluglehrer Marco Buholzer zum ersten Mal ein Elektroflugzeug gesehen hatte, ist er begeistert: Unkompliziert, ohne Lärm und Abgase – so möchte er Piloten künftig ausbilden. Während der Flugausbildung sind unzählige Starts und Landungen notwendig, die mit einem Verbrennungsmotor weitem zu hören sind. Ein leiser Elektroantrieb erlangt bei der umliegenden Bevölkerung eine hohe Akzeptanz. Deshalb stiess Buholzer beim Flugplatz Schänis, der eigentlich ein Segelflugplatz ist, mit seiner Idee der Elektroflugschule sofort auf offene Ohren, und auch die kommunale Politik war dem Projekt von Beginn weg wohlgesinnt.

Buholzer ist sich sicher, dass sich die Elektrofliegerei in Zukunft einen festen Platz in der Aviatik sichern wird: «Wenn etwas die Fliegerei umweltverträglicher macht und technisch machbar ist, soll es umgesetzt werden.» Die Linienfliegerei werde zwar noch lange nicht oder sogar nie ganz elektrisch werden – in diesem Bereich arbeitet Buholzer an einem E-Fuel-Projekt –, aber für die Ausbildung sei das elektrifizierte Kleinflugzeug ideal: Mit zwei redundanten 10-kWh-Akkus sind Flüge von 40 bis 50 Minuten möglich, bei einer Reisegeschwindigkeit von 85 Knoten. In einigen Jahren wird sich durch Feststoff-Akkus die Kapazität voraussichtlich etwa verdreifachen. Zudem ist der Flieger, der über sogenannte Flaperon-Ruder verfügt, enorm effizient: Er steigt dank der guten Aerodynamik doppelt so gut wie derzeit im Einsatz stehende Kleinflugzeuge und fliegt im Reiseflug mit einer Leistung von nur 20 kW – rund zwei Drittel als Verbrennerflugzeuge der gleichen Klasse. Bemerkenswert ist auch das Gesamtrettungssystem in Form eines riesigen Fallschirms, den der Pilot im Notfall auslösen kann.

Um die Akkus mit Strom aus erneuerbaren Energien aufzuladen, wird bald eine grosse Solaranlage das Hangar-Dach zieren – mit einer Leistung von 200 kW und einem Speicher lässt sich damit der Eigenverbrauch des Flugplatzes Schänis optimieren; überschüssiger Strom wird ins lokale Stromnetz eingespeist.



Selber Motoren gebaut

Irgendwie wehte schon immer ein gewisser Pioniergeist um Marco Buholzer: Bereits Ende der 80er-Jahre baute er mit seinem damaligen Geschäftspartner Drehzahlregler für Elektromodellflugzeuge, die in dieser Form nicht existierten. Seine Modelle konstruierte er oft komplett von Grund auf und baute sogar die Motoren selber. Bei zahlreichen Wettbewerben flog er Eigenkonstruktionen – mit Erfolg. In der Kategorie F3E, der Elektroflug-Wettbewerbsklasse mit Strecken- und Zeitflugaufgabe, wurde er Schweizer Meister. Er nahm an den ersten Weltmeisterschaften teil und reiste zu Modellflugwettbewerben in ganz Europa.

Auch wenn der gelernte Fernmelde-, Elektro- und Apparatemonteur und Betriebsökonom inzwischen längst selbst «flügge» ist und über 4500 Flugstunden mit Kleinflugzeugen auf seinem Konto hat: «Die Modellfliegerei fasziniert mich nach wie vor – sowohl die Technik als auch die notwendigen Fähigkeiten, die es für einen gelungenen Flug braucht», so der 54-Jährige, der Mitglied in der Modellfluggruppe Erlenbach ist.

Zum Selberbauen fehlt ihm die Zeit, denn seine Haupttätigkeit als Inhaber der RIPEnergy AG, ein auf Produkte im Bereich Energieumwandlung spezialisiertes Unternehmen, und seine vielseitigen Projekte in der Aviatik nehmen ihn stark in Anspruch. Er lässt es sich aber nicht nehmen, ab und zu die Angelrute zu schwingen oder eine Biketour zu unternehmen. Meist ist der zweifache Familienvater auf individuellen Paden unterwegs, was die Modellfliegerei anbelangt: Gemeinsam mit seinem erwachsenen Sohn schultert er einen seiner grossen Elektrosegler, z.B. ein Lesky FX2 mit 6 m Spannweite, und wandert einen Berg hoch. Dort geniessen die beiden die Ruhe, die Aussicht und das ungestörte Flugvergnügen.



Unbedingt ausprobieren!

Wie würde Buholzer das neue elektrische Fluggefühl in der 550 kg schweren einmotorigen Alpha Electro beschreiben? Seine Antwort ist klar: «Es gibt nur eines – selber ausprobieren!» Pitch Power bietet Schnupperflüge an, bei denen man das Flugzeug zusammen mit einem erfahrenen Fluglehrer selber fliegen kann. «Erfahrungsgemäss fällt es Modellflugpiloten etwas leichter, selbst ein Flugzeug zu steuern, da sie bereits über Wissen der Aerodynamik und der Flugtechnik verfügen», so Buholzer. Grundsätzlich könne jedoch jeder das Fliegen lernen: «Es ist keine Hexerei», lacht der erfahrene Pilot und Fluglehrer. «Für mich ist es immer wieder spannend, den charakterlich unterschiedlichsten Menschen die Fliegerei näherzubringen.»

Und wem es dann den Ärmel reinnimmt, der kann ab dem Frühjahr 2020 in Schänis mit der Ausbildung für die Privatpilotenlizenz beginnen: Zwei moderne CSA23-zertifizierte Elektroflugzeuge Velis Electro und ein baugleiches mit Verbrennungsmotor – für die Alpeneinweisung und den obligatorischen Navigationsflug – werden den Traum vom Fliegen wahr werden lassen.


Bilder: Marco Buholzer,
Rahel Meister



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