Editorial

Rettet euer Hobby!

von Emil Ch. Giezendanner
5
Rettet euer Hobby!

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Kurz vor den Festtagen möchte ich den bekannten Schriftsteller und Philosophieprofessor Rüdiger Safranski zitieren:

«Wir haben eine gesellschaftlich bewirtschaftete Zeit, dagegen Eigenzeit zu behaupten, erfordert einen unglaublichen Machtkampf.»

Wer von uns Modellfliegern kennt diesen Kampf um die eigene Freizeit nicht? Schon im jugendlichen Alter gilt es, das Modellflughobby zwischen Ausbildung, Partys und anderen Events, Sport sowie Betätigung in den verschiedenen virtuellen Netzen aufrechtzuerhalten. Noch schwieriger wirds im Laufe des beruflichen Ein- und Aufstiegs. Höhere Anforderungen und zunehmend stärkere berufliche Beanspruchung haben zur Folge, dass viele nur noch über einen bescheidenen Anteil ihrer Zeit selber entscheiden können. Kommt fast parallel die Familiengründung dazu, schmilzt diese Eigenzeit wie Schnee an der Sonne; denn in den modernen Familien teilen sich Frau und Mann Kindererziehung und Hausarbeit. Die Partnerin hat Anspruch auf ihre eigene Freizeit und ihr Hobby. Auf unsere jungen Familien kommt eine Unzahl an zusätzlichen Verpflichtungen zu. Das geht von Anlässen der Schule, diversen Einladungen, die man kaum absagen darf, Organisation von Grillpartys und, nicht zu vergessen, die Beantwortung all der E-Mails sowie «Weiterbildung» über TV-Kanäle und Websites usw. Wie soll da noch der Modellflug seinen Platz haben? Einige werden fragen, wie wichtig das sei. Ich bin überzeugt, dass die Pflege eines Hobbys für das persönliche Gleichgewicht jedes Menschen von grösster Bedeutung ist. Wer diese Balance nicht findet, betreibt Raubbau an seiner seelischen und körperlichen Gesundheit.

Jeder und jede muss einen eigenen Weg finden. Generelle Rezepte gibt es nur wenige. So empfehle ich, das Selberbauen seines Flugzeuges nicht aufzugeben, sondern in kleinen Schritten weiter zu pflegen, über die Runden zu retten. Jeden Tag eine halbe Stunde führt letztlich auch zum Erfolg. Das Ausweichen auf billige Ready2Crash-Modelle ist eine Scheinlösung und auf die Dauer frustrierend. Nicht umsonst werden diese Modelle auch als «Ausstiegsdroge» bezeichnet. Des Weiteren empfehle ich bei den neueren Medien die Beschränkung auf wichtige Mails und Telefonate und weniger passive Berieselung, die genau das Gegenteil von Entspannung bewirkt, sondern das Gehirn zusätzlich beansprucht. Bei einer Diskussion um den Flugmodellbau wurde mir wieder einmal bewusst, dass unsere Häuser und Wohnungen immer grösser werden. Wir verfügen über grosse Flächen und repräsentative Wohnungen, die oftmals professionelle Möbelausstellung als klein-kariert erscheinen lassen – nur für unser Hobby haben wir keinen Platz mehr. Flugmodellbau geht aber nicht ohne einen Raum, wo ab und zu einmal Balsastaub aufwirbelt und wo wir unsere Kunstwerke liegen lassen dürfen – selbst wenn wir über ein paar Wochen nicht zum Bauen kommen. Deshalb wünsche ich mir zu Weihnachten, dass diese Einsicht bei unseren Immobilienhaien, Architekten und Wohnungseinrichtern Fuss fassen möge.

Ich wünsche euch allen schöne Festtage und einen erfolgreichen Kampf für eure Eigenzeit.

Freundliche Grüsse
Emil Ch. Giezendanner



MFS-Meinungsvielfalt

Die auf dieser Seite durch den Redaktor – sowie andere Autoren dieses Heftes – zum Ausdruck gebrachten Meinungen decken sich nicht zwingend mit der Verbandsmeinung des SMV. Offizielle Verbandsmitteilungen findet der Leser in der Rubrik «SMV».



Alle Kategorien anzeigen →

AKTUELL

Sortieren Nach:
Weitere Beiträge →



An error has occurred. This application may no longer respond until reloaded. Reload 🗙