Dampflok-Romantik auf dem Wasser
«Du solltest endlich mal was anderes auf dem Wasser fliegen als deine ewigen, langweiligen Piper», meinte mein Sohn Benjamin als überzeugter Anhänger der neuen 3D-Schaum-Generation. «Ja, lästere du nur, ich mach,
was mir passt!», konterte ich. Doch nach kurzer Zeit bohrte der Stachel in dieser neuen Wunde und ich schaute mich einmal so ganz heimlich um, was da noch in meinen bereits total überfüllten Basteltraum passen würde.
Es müsste etwas Unkonventionelles sein, das nicht überall zuhauf zu sehen ist. So hiess das Pflichtenheft: Eher selten anzutreffendes, einigermassen vorbildgetreues, relativ rasch «gebautes» ARF-Holzmodell mit etwas über 2 Metern Spannweite für 5S- bis 6S-An-
trieb. Einsetzbar mit Radfahrwerk auf Graspisten, mit Skiern auf Schnee und last but not least mit Schwimmern auf und über dem Wasser. Selbstverständlich sollte das Original ebenfalls auf Schwimmern eingesetzt worden sein.
Und siehe da: Was springt mir da eines Tages aus einem Prospekt in meine Augen? Ein bulli-

ger, nostalgischer Hochdecker aus den 20er-Jahren mit Sternmotor, der auf den Namen Monocoupe hört! Und erst noch spottbillig, erhältlich als Aktion und als 2. Wahl mit «möglichen Farbveränderungen». Grund: Der Importeur Jamaras lässt dieses ARF-Modell auslaufen. Also gekauft und zu Hause gierig ausgepackt. Doch nun alles mal schön der Reihe nach ...
Der Geschäftsmann und Pilot Don Luscombe hatte es in den 20er-Jahren satt, mit seinem Doppeldecker Jenny mit offe-
nem Cockpit in der Kälte und im Regen herumzukurven, und wünschte sich für seine Geschäftsreisen ein kleines, komfortables Flugzeug mit geschlossenem Cockpit, in welchem 2 Personen bequem nebeneinander sitzen konnten. Obwohl es der Geldgeber Don Luscombe war, der 1926 die nach seinen Wünschen konstruierte Monocoupe dem Markt präsentierte, war der eigentliche Held der ehemalige Farmer Clayton Folkerts. 1897 auf einer Farm in Grundy, County Iowa, geboren, baute er sich – aus
auf der Farm herumliegenden Teilen – in den Jahren 1916 bis 1926 nicht weniger als 5 manntragende Flugzeuge. Er bildete sich selber in der Konstruktion von Flugzeugen weiter und brachte sich auch das Schweißen bei. Folkerts arbeitete dann in den Central States Aero in Davenport und erhielt den Auftrag, nach den Wünschen von Don Luscombe den Prototypen der Monocoupe aus Holz und Stahlrohren zu bauen, al-
les schön mit Stoff bespannt. Die in der Folge produzierten und unter dem Department of Commerce lizenzierten Monocoupes waren derart erfolgreich, dass im Jahre 1928 nahezu 90 Prozent aller in den USA produzierten und verkauften Leichtflugzeuge Monocoupes waren. →

Der Typ 90 wurde 1930 im Markt eingeführt. Nur die Version «90 De Luxe» hatte Landeklappen. Natürlich wurden Monocoupes auch auf Schwimmer gestellt, wie unser etwas antikes Bild es beweist. Der Name Monocoupe bedeutet folgendes: Mono = nur eine Tragfläche, und Coupe ist angelehnt an sportliche Autos für 2 Personen, eben die Coupés. Des Weiteren gab es zahlreiche Varianten und Weiterentwicklungen. Monocoupes mit gekürzten Tragflächen und sehr starken Motoren erfreuten sich an Flugrennen grosser Belieb-
heit und dienten auch als Vorbilder für die im Jahre 1934 eingeführte Rennmaschine DGA-6, auch Mr. Mulligan genannt.
Wie schon erwähnt, läuft das Modell bei Jamara gerade aus und im Handel sind noch letzte Exemplare zu erhalten. Ersatzteile sind ebenfalls noch erhältlich. Obwohl es im Detail nicht ganz vorbildgetreu ist, hat auch das Modell mit 2,2 Metern Spannweite das Charisma dieses Oldtimers. Rumpf und Tragflächen zeugen von echter
Leichtbauweise, scheinen aber nicht sehr stabil zu sein. Gerade der Rumpf macht mit seinen relativ dünnen Spanten einen zierlich-gebrechlichen Eindruck. Doch für den Elektroeinsatz schien mir das gerade richtig zu sein. Die Teile, die tatsächlich nicht alle die gleiche Farbe haben, sind durchwegs von akzeptabler Qualität, müssen jedoch fast alle nachgeglättet werden.
Die Montage erfolgt wie bei ARF-Modellen üblich: Anpassungen da und dort, aber ins-
gesamt keine ernsthaften Probleme. Damit der Akku-Wechsel elegant vonstatten geht, wird die Frontscheibe mit zwei Verschlüssen abnehmbar gemacht. Zudem wird eine Schleppkupplung montiert. Um das Modell optisch zu verfeinern, müssen noch etliche Dinge in Eigenregie gemacht werden wie Verspannungen der Leitwerke und des Fahrwerkes, Abdeckung für Fahrwerksaufnahme und so weiter. So zeigen die hier abgebildeten Fotos meine Monocoupe noch nicht in ihrer ganzen Schönheit. Doch solche Dinge

kommen bei mir in der Regel erst nach der ausgiebigen Erprobung an die Reihe, denn man weiss ja nie, ob nicht vorzeitig ... na ja – mal Holz anfassen ...
Klar war mir von Anfang an, dass dieses bullige Modell ein echter «fliegender Widerstand» ist und einen kräftigen Antrieb braucht. Als Grundlage jeder Motorisierung gilt bekanntlich, dass es für eine gute Flugleistung pro Kilogramm Abfluggewicht rund 250 Watt braucht. Zudem kommt das ohmsche
Gesetz «Leistung gleich Strom mal Spannung ( $P = I \times U$ ) zwangsläufig zur Anwendung. Und nun heisst es: Man rechne! Zu erwartendes Gewicht: 6 kg inkl. Schwimmer. Das ergibt einen Leistungsbedarf von 1500 Watt. Ein Lipo mit 6S hat über den Daumen gepeilt rund 23 Volt. Der geforderte Strom ergibt sich aus $I = P/U$ , also rund 65 Ampère.
Nun gehts an die Komponentenwahl. Als Motor wird der Scorpion S4025-12 gewählt, der 85 Ampère und bis zu 2000 Watt verdauen kann. Als Regler kommt der bewährte Phoenix

Ice Lite 100A zum Einsatz, natürlich ohne BEC und mit einer separaten Batterie für den Empfänger. Nun werden diverse Propeller montiert und mit einem 6S-Lipo mit 5000 mAh und 30C sowohl Strom als auch Standschub gemessen. Ein 15×8-Elektro-Dreiblatt-Propeller, bei ready2fly gekauft, muss erst mal gründlich ausgewuchtet werden. Damit habe ich einen etwas grösseren Abstand von der Propellerspitze bis zur Wasseroberfläche und damit weniger Gischt beim
Starten. Dieser Propeller liefert nun die geforderten Werte: Bei Vollgas 70 Ampère und rund 5,5 kg Standschub. Zudem liefert er deutlich weniger Vibrationen als alle anderen versuchsweise eingesetzten APC-Zweiblatt-Elektro-Propeller. Bei späteren Flügen ergab sich ein mittlerer Energiebedarf von rund 450 mAh pro Minute. Das ergibt mit einem 5000-mAh-Lipo eine vernünftige Flugzeit von rund 8 bis 9 Minuten mit vernünftiger Energie-Reserve. →

Der Erstflug ohne Radschuhe, dafür mit etwas grösseren Rädern, verläuft ohne Probleme. Die Motorisierung ist optimal und lässt kein Wünsche offen. Nach wenigen Metern ist das Modell sicher in der Luft und steigt zügig. Das Modell kann sehr langsam geflogen werden, das Abreissverhalten ist sehr brav. Das Landen ohne den kleinsten Hüpfer ist jedoch kein Kinderspiel. Hat das Modell auch nur ein bisschen zu viel Fahrt und setzt nicht hundertprozentig butterweich auf, gibts einen oder zwei, aller-
dings harmlose Hüpfer. Das relativ kurze Modell braucht recht grosse Höhenruder-Ausschläge, damit es in einer Dreipunktlandung aufsetzen kann. Als zusätzliche Massnahme lege ich den Schwerpunkt etwas zurück. Damit reagiert das Modell etwas flotter auf das Höhenruder und ist trotzdem noch sehr harmlos zu kontrollieren.
Nun werden die grössten GFK-Schwimmer von Hacker mit einer Länge von 1 Meter montiert. Zuvor werden diese Schwimmer im vorderen Be-
reich verstärkt, da sie bereits bei leichten Klatschlandungen Haarrisse bekommen und Wasser aufnehmen. Ebenfalls verstärkt werden muss der Rumpf an der Stelle, wo das hintere Schwimmer-Gestänge abgestützt werden soll. Zudem wird, wie beim Original, eine zusätzliche Schwanzflosse montiert, damit das Fluggerät besser geführt wird und gerade beim Start nicht ausbricht.
Für die ersten Erprobungen wird, aus bereits erwähnten Gründen, vorerst nur ein Wasserruder montiert und dieses ganz simpel mittels eines Kar-
bonstäbchens vom Seitenruder aus angelenkt. Allerdings ist schon dieses Wasserruder nach oben klappbar, denn das Ruder wird nur zum langsamen Herumkurven in der Verdrängerfahrt benötigt. Wasserruder sollten bekanntlich beim Starten in der Gleitphase das Wasser nicht mehr berühren. In einer späteren Optimierungsphase werden natürlich 2 Wasserruder montiert.
Und so kommt es am Walensee, genauer in meinem bewährten Wasserflughafen in Beetlis, zum Erstflug auf dem Wasser. Ein Zuschauer meint etwas hämisch: «Das dicke Ding ist ja viel zu schwer, als dass es fliegen könnte!» Doch wie sagen doch die Lateiner? «Quod erat demonstrandum.» Der erste Wasserflug verläuft denn auch zur vollsten Zufriedenheit des Piloten und zum hellen Erstaunen des Zweiflers.
Dank der Zusatz-Flosse ist die Tendenz zum Ausbrechen beim Start tatsächlich minimal. Die Flugeigenschaften haben sich natürlich durch die Schwimmer etwas verändert und die Kiste fliegt sich deutlich träger, aber dennoch, bei weiträumigem Flugstil, gut kontrollierbar. But-

terweiche Landungen sind nun auch mit Schwimmern, dank dem leicht nach hinten versetzten Schwerpunkt und relativ grossen Höhenruderausschlägen, sehr feinfühlig und ohne jegliche Abrisstendenz zu bewerkstelligen.
Und wenn meine Monocoupe jeweils im langsamen, tiefen Vorbeiflug an den Kollegen und Zuschauern vorbeischwebt, hört man entzückte Ausrufe. Natürlich vermissen gerade
Männer bei diesem Oldie einen wunderschönen Brumm-Sound. Andererseits sind gerade ruhebedürftige weibliche Strandbesucher hocherfreut, wie leise das Modell vorbeirauscht, und eine Frau bemerkt, das sei doch ein wunderschönes Hobby. Eine ganze Schulklasse erscheint und die Lehrerin meint begeistert, sie hätten das Modell von Weitem gesehen, aber nichts gehört. Ich stelle fest: Der Modellflug wird nach langen Jahren des Knatterns, Stinkens und Heulens so lang-
sam salonfähig. Und wenn jetzt jeder Wasserflieger noch die Grundregeln des Wasserflugs beachtet, geht das auch so weiter.
Die bei Jamara leider am Auslaufen begriffene Monocoupe 90 strahlt eine gute Portion Dampflok-Romantik aus. Dieses ulkige, bullige Modell bewährte sich bis jetzt zu Land und zu Wasser und stösst überall auf Bewunderung. Mit wenig Bauaufwand und modera-

ten Motorisierungskosten erhält man hier ein aussergewöhnliches Modell, das sehr selten zu sehen ist und erst noch gute Flugeigenschaften besitzt. ■
*Hans Jürg Baum*


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