Sport

RC-Segelflug (F3J) – das F3B-Imperium schlägt zurück!

von Reto Fiolka
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Am 26.8.2006 fand die Schweizer Meisterschaft F3J in Boll bei Bern statt. Es war ein perfekt organisierter, fairer Wettkampf, und dank Wetterkapriolen wurde es wohl eine der spannendsten F3J-Meisterschaften überhaupt. Und am Ende triumphierten die F3B-Piloten.


Vorab noch einige Worte zur Klasse F3J: Ein Wochenende vor der SM F3J fand die SM F3B statt, und dort haben die Piloten unter anderem vier 10-Minuten Zeitflüge absolviert. Der geneigte Leser mag sich daher fragen, wo da die Daseinsberechtigung der Klasse F3J sein mag, wird doch in der Schweiz mangels Helfer auch in F3J mit der Hochstartwinde gestartet. Dennoch kann man den F3B-Zeitflug nicht mit dem F3J Wettkampf gleichsetzen: F3B-Modelle erreichen im Hochstart bis zu 300 m Höhe, was zu grossen Reserven im Zeitflug führt und Taktieren ermöglicht. In F3J ist die Hochstarthöhe eingeschränkt (In der Schweiz wird F3J mit 100 m weniger Seil geflogen als in F3B, International wird mit 150 m Hochstartleine im Laufstart gestartet). Die geringe Höhe reicht nicht aus, um 10 Minuten einfach abzugleiten, wer den anderen Teilnehmern nicht vom Boden aus beim Fliegen zuschauen will, muss dringendst einen Aufwind finden!

Durch die Verwendung der Hochstartwinde im «Schweizer F3J» können auch die F3B-Piloten teilnehmen, die mit ihren Modellen beim Laufstart doch einige Nachteile hätten. Und gerade diese F3B-Piloten mischen die F3J Szene mit ihren super Hochstarts und hervorragenden Streckenflugeigenschaften mächtig auf. Dennoch waren die letzten Schweizer Meister in F3J, Christoph Mächler, Gusti Bieli und Reto Baumgartner, noch echte F3J-Enthusiasten. Doch angeführt von den Gebrüder Böhlen machte die F3B-Fraktion in den letzten Jahren mächtig Boden gut. Würden sich an dieser SM nochmals die leichten F3J-Thermikspezialisten durchsetzen können?

Um Punkt 7.30 Uhr hatte Wettbewerbsleiter Ernesto Weber die Piloten nach Boll bestellt, immerhin sollten 6 Qualifikationsrunden und zwei Fly-Offs der besten Fünf geflogen werden. Zusätzlich drohte nachmittags noch eine Schlechtwetterfront. Nach dem Aufstellen der Winden begab man sich ins Haus der Bauernfamilie Hofmann, die das Land zur Verfügung stellte und auch für das leibliche Wohl der Teilnehmer sorgte. Während des Morgenessens mit Zopf und Kafi führte Ernesto das Briefing durch: Eine Superidee, das Angenehme mit dem Notwendigen zu verbinden. Ernesto hatte es geschafft, für die SM von der MG Worb eine rekordverdächtige Anzahl Helfer zu rekrutieren: Da waren unter anderem für jede Gruppe zwei Zeitnehmer/Helfer, ein Verantwortlicher für die Signalanlage, ein Flugraumüberwacher, zwei Leute, die den Verkehr in der Landeschneise kontrollierten und und und. Um es vorwegzunehmen, die Helfer waren hervorragend und ermöglichten einen reibungslosen Ablauf der Schweizer Meisterschaft. Vielen Dank an dieser Stelle.

Um 9 Uhr wurde der erste Durchgang begonnen, und es herrschte Rückenwind. Wenn es möglich sein sollte, die F3B-Fraktion zu schlagen, dann wäre doch jetzt der richtige Zeitpunkt,



dachten wohl einige: Der Rückenwind lässt die Hochstarts schlechter werden, und die schwache Thermik würden doch nur die F3J-Floater nützen können. Denkste, Andreas Böhlen musste gleich in der ersten Gruppe fliegen und flog die Zeit voll aus! Doch die F3Jler liessen sich auch nicht lange bitten und flogen in den folgenden Gruppen auch 10 Minuten, teils unter Ausnützung schwächster Aufwinde in Bodennähe. Wie sich jeder vorstellen kann, ist die Thermik am Morgen nicht so berauschend, und die schlechten Höhen infolge Rückenwind machten es noch schwieriger. Einzig auf den Leitsatz «Mindestens einer in der Gruppe fliegt immer die 10 Minuten voll!» war Verlass, und so verwundert es kaum, dass schon nach den ersten zwei Runden einige, darunter auch Favoriten, kräftig Federn gelassen hatten. Die Runden drei und vier konnten dank straffer Organisation noch vor dem Mittag fertig geflogen werden. Der Wind hatte glücklicherweise gedreht, was die Starthöhen verbesserte. Allerdings war die Thermik immer noch sehr schwach, sodass munter weitere Kandidaten für das Streichresultat eingeflogen wurden. Wer bis jetzt konstant geflogen war, war im Klassement vorne dabei. Durch das enorm selektive Wetter gab es im Zwischenklassement Punkteabstände, wie sie schon lange nicht mehr vorgekommen waren. Nun war es Zeit für das Mittagessen bei den Hofmanns, es gab Wurst mit Kartoffelsalat, Tomaten, Brot und als Dessert einen feinen Kuchen. Jeder konnte sich à discretion stärken, und beim gemütlichen Plausch mit den Kollegen war der eine oder andere Frust über kapitale Absaufer schnell vergessen. Schliesslich gibt es ja noch zwei Durchgänge, da geht ja vielleicht noch was.

Und ob da noch etwas los war! Im Westen sah man schon die herannahende Gewitterfront, und als Vorbote brachte sie uns kräftigen Wind. Eile war geboten, um den Wettbewerb an dem Tag noch durchzubringen. Und eben so eilig schienen es einige Piloten gehabt zu haben, mit ihren Modellen wieder runterzukommen. Ratlosigkeit machte sich bei so manchem breit, der nach einem Restart wieder genau so schnell auf den Boden der Tatsachen runtergespült wurde.



Und Versteinerung verdrängte die Ratlosigkeit, wenn man plötzlich erkannte, dass da doch tatsächlich einer die Zeit am Ausfliegen war! So geschehen in einer Gruppe in Runde fünf, alle mussten ziemlich früh landen, nur Paul Böhlen, der an dieser SM sonst keinen guten Tag erwischt hatte, flog mit seiner Estrella fast in der Stratosphäre. Wie er das geschafft hatte, es herrschte wirklich grossflächiges Saufen, bleibt wohl das Geheimnis von ihm und seinem Helfer. Reto Schmid schickte sich in der darauffolgenden Gruppe an, das Rätsel zu lüften. Er wartete mit dem Start und beobachtete, wo die Leute hinflogen. Grossflächiges Sinken in der ganzen Gruppe, deshalb flog er nach seinem Start in die entgegengesetzte Richtung, einfach nur weg von diesen Abwinden. Doch auch über dem grossen Maisfeld ging es nur runter und der Helfer mahnte schon zur schnellen Rückkehr für einen Restart. Doch plötzlich wackelte die Espada mit den Flügeln. Reto kreiste bei starkem Wind ein und es war tatsächlich eine Ablösung. Was dann folgte, war ein wilder Ritt in Richtung Horizont, denn die Blase wurde schneller mit dem Wind weggetragen als sie stieg. Der Helfer murmelte nur noch was von «Bleib um alles in der Welt in diesem Bart, sonst bist du verloren». Beim frühzeitigen Rückflug aus dem Lee gegen den Wind realisierten die beiden, dass dieser Flug den anderen in dieser Gruppe viele Punkte kosten würde.

In Durchgang sechs ein ähnliches Bild, froh konnte man sein, wenn man den Flug einigermassen schadlos überstand oder bis dahin noch keinen Streicher hatte!

Es war unterdessen kurz vor 15 Uhr, die Gewitterfont war praktisch angekommen, und es begann zu regnen. Dennoch rief Ernesto Weber den Beginn des Fly-offs um 15.15 aus.

Die besten Fünf, die sich für das Fly-off qualifizieren konnten, waren schnell ermittelt. Es waren Stefan Böhlen, Andreas Böhlen, Christian Müller, Konrad Oetiker und Reto Fiolka. Um in das Fly Off zu kommen, brauchte man dieses Jahr über 96% der möglichen Punkte! Das war zwar etwas «humaner» als im letzten Jahr, gemessen an den sehr schwierigen Bedingungen aber eine ganz ordentliche Hürde.

Der Regen war aber mittlerweile so stark, dass einige Finalisten schon mit dem Abbau des Materials begannen. Doch Ernesto wäre nicht Ernesto, wenn er sich von seiner so toll organisierten SM durch «etwas» Regen das Sahnehäubchen hätte wegschnappen lassen!

So mussten dann alle wohl oder übel antraben, und man gab sich redlich Mühe, die Modelle wenigstens für den Start halbwegs trocken zu kriegen. Doch siehe da, kurz vor dem Start nahm der Regen ab, sodass selbst manch improvisierter Senderschutz nicht mehr nötig war. Was dann folgte, bleibt wohl vielen lange in Erinnerung: Alle fünf Finalisten legten gegen den starken Wind


Rangliste
RanglisteVorrundenFly-off 1Fly-off 2Total
1Andreas Böhlen4964100010002000
2Stefan Böhlen50007279921719
3Christian Müller48817019721673
4Reto Fiolka48207848141598
5Koni Oetiker48756389031541
6Ruedi Schaub4790
7Reto Baumgartner4789
8Ruedi Baumgartner4617
9Reto Schmid4566
10Gusti Bieli4527
11Christoph Helbling4159
12Leo Sutter4126
13Ernesto Weber4076
14Paul Böhlen4006


einen guten Hochstart hin. Andreas Böhlen flog schnurstraks auf den angrenzenden Hügel hin. Eigentlich schien der Hügel heuer nicht zum Hangfliegen geeignet. Den Wolken nach sah es aus, als ob die uns zugewandte Seite im Lee wäre, respektive man konnte erahnen, dass sich ein riesiger Rotor um den Hügel ausgebildet hatte.

Andreas Böhlen flog weit, sehr weit über den Hügel. In weiter Ferne fand er dann auch Aufwinde. Die anderen Piloten, von ihren Helfern darüber informiert, begaben sich sofort auch auf den langen Weg zu Andreas, da sonst nirgends ein Aufwind entdeckt wurde. Allerdings reichte ihnen die Höhe nicht mehr aus, um Andreas konsequent zu folgen, und die Befürchtung eines Rotors bewahrheitete sich: Ab einer gewissen Höhe wurden die Modelle heruntergespült. Die vier Piloten befanden sich schnell wieder in der Nähe des Landefelds, das Saufen diktierte den Rückzug vom Hang, währenddem Andreas souverän oben seine Runden zog. Nahe

am Fusse des Hügels fanden die Piloten dann doch noch eine kleine Ablösung, die sie sauber auskurbelten. Doch es reichte nicht, nach etwa zehn Minuten waren drei schon gelandet, Reto Fiolka konnte sich noch etwa eine Minute länger über dem Hofmannschen Bauernhof halten, dann war aber auch für ihn Schluss. Einzig Andreas Böhlen war noch oben und flog äusserst kalkuliert und sicher die 15 Minuten herunter. Bei seiner sauberen 100er-Punktlandung applaudierten die Anwesenden, selbst die Piloten, denen er gerade eine Lektion erteilt hatte. War die F3J-SM damit gelaufen, schliesslich trennten Minuten die vorderen Plätzen (normalerweise sind es nur Sekundenabstände!)? Nicht in diesem Jahr, bedingt durch die Wetterkapriolen ging es im zweiten Durchgang im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber, so dass kurzzeitig wieder alles möglich war! Doch der Reihe nach, alle starten wieder gut, und diesmal flogen auch alle gleich weit in die Ferne, wo Andreas im vorhergehenden Flug den Aufwind gefunden hatte. Und es war immer noch was da, alle Piloten schraubten sich am Horizont in eine komfortable Höhe. Man konnte glauben, dass nun die Ergebnisse eingefroren würden, so sicher schien es, dass nun alle die 15 Minuten fliegen könnten. Doch wo es rauf geht, geht es auch mal runter, und schneller als es den Piloten lieb war, ging es plötzlich abwärts. Dabei erwischte es Andreas Böhlen besonders hart, beim Versuch, näher beim Landefeld am Hang zu fliegen, spülte es ihn bedrohlich weit hinunter, und es waren noch über fünf Minuten zu fliegen. Ihm blieb nur die Flucht nach vorne, und diese wurde belohnt: Im Vorfeld des Hanges fand er einen kleinen Aufwind, den er gewohnt sauber auskreiste. Er konnte die 15 Minuten ausfliegen und sicherte sich damit den Schweizer Meister-Titel. Stefan Böhlen und Christian Müller «hangelten» sich mit ihren Estrellas gekonnt am Hang durch und schoben sich auf die Plätze zwei und drei nach vorne. Und damit war es vollbracht, das Siegerpodest an der diesjährigen SM F3J war komplett in der Hand von F3B-Piloten. Herzlichen Glückwunsch, das war ein Fly-off-Krimi, wie wir ihn schon lange nicht mehr gesehen hatten. Und seien wir

ehrlich, so ist es doch viel interessanter, als wenn die Entscheidung über Sieg und Niederlage um wenige Sekunden ausfällt! Schnell wurden die Modelle und Winden abgeräumt, denn es begann stark zu regnen. Was für ein unglaubliches Glück, dass wir die Fly-offs gerade noch ausfliegen konnten! Die Siegerehrung fand im Haus der Hoffmanns statt, wo sich jeder nochmals etwas stärken konnte. Ernesto musste noch auf den Präsidenten der Gemeinde Vechigen warten, der es sich nicht nehmen liess, die Medaillen persönlich zu überreichen. Schön, wenn unser Sport auf solche Anerkennung und Akzeptanz stösst! Derweil konnten wir schon mal die Preise bestaunen, die während der Siegerehrung unter den Piloten verlost werden sollten. Und Fortuna meinte es gut mit den Teilnehmern, die Servos und das Modell Youngmaster gingen an Piloten in den hinteren Rängen! Ein Siegerfoto mit Modellen war bei dem strömenden Regen zwar nicht mehr möglich, doch Andreas Böhlen auf Platz eins, Stefan Böhlen auf Platz zwei und Christian Müller auf Platz drei strahlten auch drinnen um die Wette. Die Piloten bedankten sich herzlich bei den Helfern, der Familie Hoffmann und Ernesto Weber



für die tolle Arbeit. Es war wirklich eine perfekte Meisterschaft, und an Spannung war sie kaum zu überbieten. Die Piloten fachsimpelten noch eine Weile in der gemütlichen Stube, bevor sie sich zufrieden auf den Heimweg machten.

Allem Anschein nach wird die nächste SM wieder durch Ernesto Weber organisiert, wir freuen uns jedenfalls schon darauf. Und es würde uns auch freuen, dann den einen oder anderen Newcomer zu sehen. Auch wenn es vorne eng zu und her geht, die SM F3J ist ein sehr kameradschaftlicher Wettbewerb, ideale Voraussetzung also, um mal in das Wettbewerbsgeschehen reinzuschnuppern. Und F3J-Fliegen ist nicht out, gerade diese SM hat gezeigt, was den Reiz des Thermikfliegens ausmacht: Oben bleiben, selbst wenn man seinen Flieger verwetten würde, dass da doch kein Aufwind sein kann! Reto Fiolka



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