Der Mann mit den fliegenden Kisten
ANTOINETTE VII 1910 von Rainer Mattle
Markus Nussbaumer

Hier ist der auffällige Wasserkühler schön zu sehen. Dieser wurde aus Aluminium und Karbon hergestellt.

Es ist ein spezieller Frühling, im Jahr 2020. Covid-19 fesselt uns ans Zuhause, wir dürfen nur zur Arbeit raus, die, die arbeiten dürfen.
Da ist es auch selbstverständlich, dass wir nicht auf den Modellflugplatz dürfen, auch wenn es einige nicht verstehen wollen. Modellflug ist unser Hobby, nicht mehr, aber auch nicht weniger! Eine positive Seite ist, wenn man das so schreiben darf, dass die Modellbauer mehr Zeit haben, ihre Modelle weiterzubauen oder fertigzustellen.
Nun, wir dürfen seit Ende Mai unter Auflagen endlich wieder auf den Modellflugplatz. Irgendwie logisch, dass viele Piloten auf diese Möglichkeit gewartet haben, so erstaunt es wenig, dass es eng wird mit Abstandhalten. Da keiner ein Risiko eingehen will, ist es jedoch kein Problem, aber schon gewöhnungsbedürftig, einem Kollegen nicht mehr die Hand zu geben. Wer hätte das gedacht, Rainer Mattle bringt schon bald eine nagelneue Antoinette VII 1910 auf den Platz. Das Oldtimer-Sportflugzeug wartet schon einige Zeit auf den Erstflug. Rainer, der an einer Lungenkrankheit leidet, gehört zur Risikogruppe der Pandemie. Trotzdem will er sein Modell in den Himmel steigen lassen.
Wie es bei Oldtimern dieser Epoche so ist, erfordert der Zusammenbau eines solchen Modells auf dem Platz einiges an Geduld. Bis die Flügel und die zahlreichen Verspannungen angebracht sind, dauert es seine Zeit. Das Resultat darf sich durchaus sehen lassen. Wenn das Modell so fliegt, wie es aussieht, dann kann nichts schiefgehen. Wie üblich findet Rainer beim Starten des Motors einen Kollegen, welcher ihm die anstrengende Tätigkeit am Propeller abnimmt. Schon bald tuckert der Roto-85-ccm-Motor brav dahin. Da der Motor noch neu ist, lässt man ihn ohne Stress einlaufen.
Die Stunde der Wahrheit ist gekommen, es werden alle Startvorbereitungen getroffen, die Antoinette VII darf in die Luft. Ganz ruhig marschiert Rainer hinter seinem Kunstwerk her, zum Startplatz. Motortest, Rudercheck und los geht's, das Modell beschleunigt und hebt schon bald ab. Man hört das Piepsen am Sender von Rainer, er hat nur den Trimm auf Höhe etwas korrigieren müssen, sonst fliegt das Modell traumhaft. Schon sehr majestätisch, wie sich die alte Dame Antoinette durch die Luft bewegt.
Man sieht es Rainer an, wiederum ist ihm ein grosser Wurf gelungen, das Teil fliegt! Die Pilotenpuppe hebt dann und wann den linken Arm und gibt der Freude Ausdruck, welche an Bord des Oldtimers herrschen muss. Die Warterei hat sich auf jeden Fall gelohnt. Bald setzt Rainer zur Landung an, das Modell kommt ruhig herein und setzt trotz der 21 kg sanft auf. Am Fahrwerk müssen noch einige kleine Optimierungen ausgeführt werden, aber sonst ein absoluter Traum. Es folgen an diesem Tag noch weitere Flüge der Antoinette. Gegen Abend erzeugt die Natur eine besondere Stimmung, die Wolken am Himmel werden von der untergehenden Sonne goldbraun erleuchtet, dadurch wird das Modell im Gegenlicht wunderbar in Szene gesetzt. Ein äusserst erfolgreicher Flugtag neigt sich dem Ende zu.
Ohne Händeschütteln, aber mit einem Zuwinken verabschieden wir uns. Zufrieden, mit viel Foto- und Videomaterial fahre ich nach Hause.

Der schiffsförmige Rumpf wurde kopfüber in Stäbchenbauweise aus Fichte erstellt. Die Beplankung am vorderen Teil des Rumpfes ist aus 2-mm-Fichtenstreifen.

Das Höhenruder / Seitenruder ist eine demontable komplette Einheit aus Balsa.

Die Heckkufe muss einiges an Belastungen wegstecken können. Die Trägerstäbe sind daher aus Esche/Mahagoni verleimt und mit Messingbeschlägen verstärkt.

Im Rumpfboden werden die diversen Kabelanlenkungen der Servos in einer Kartonröhre versteckt.

Die Steuerräder entstehen.
Die Antoinette VII war ein französischer Eindecker von 1909. Die Antoinette VII war eines der ersten erfolgreich in Serie gebauten Flugzeuge. Mit ihrem unmittelbaren Vorgänger, der Antoinette IV, wurde versucht, den Ärmelkanal als Erstes zu überfliegen. Die Firma Société Antoinette wurde 1904 von Léon Levassieur gegründet. Levassieur beschäftigte sich eigentlich mit Bootsmotoren. Auf Basis dieser Motoren entstand der hervorragende 8-Zylinder-Antoinette-V-Motor, einer der wichtigsten Flugzeugmotoren der frühen Luftfahrt.
Ab 1908 baute Levassieur dann eigene Flugzeuge. Die Antoinette I-III waren noch Nachbauten anderer Maschinen. Ab der Antoinette IV konstruierte Levassieur seine berühmten Antoinette-Eindecker, die einen bootsähnlichen Rumpf hatten. Mit der Antoinette VI stellte er die Steuerung des Flugzeugs von Querruder auf Flügelverwindung um. Die Maschine machte am 17. April 1909 ihren Erstflug. Kurz zuvor war Hubert Latham Chefpilot bei der Société Antoinette geworden.

Original Antoinette VII (Quelle Wikipedia).
Die englische Zeitung «Daily Mail» hatte im Oktober 1908 einen Preis über 10000 englischen Pfund ausgesetzt. Diesen sollte derjenige erhalten, der als Erstes den Ärmelkanal überflog. Levassieur wollte diesen Preis unbedingt erringen und deshalb machte Latham eine ganze Reihe langer Testflüge mit der Antoinette IV. Am 19. Juli 1909 startete Latham den ersten Versuch, den Ärmelkanal mit einer Antoinette IV zu überfliegen. Der Startort war das Cap Blanc-Nez bei Sangatte an der französischen Küste. Begleitet wurde Latham von der französischen Fregatte Harpon. Um 6.42 Uhr startete der Flug. Latham schaffte die Überquerung allerdings nicht und stürzte nach einem Motorschaden nach 13 km Flug in den Kanal. Die Fregatte Harpon zog ihn und seine Maschine aus dem Meer.
Levassieur setzte danach auf seine verbesserte Maschine Antoinette VII, um den Kanal erneut zu überfliegen. Die Maschine machte am 25. Juli 1909 ihren Erstflug. Am gleichen Tag schaffte der Franzose Louis Blériot mit seinem Blériot-XI-Eindecker den Flug über den Ärmelkanal.
Levassieur wollte trotzdem beweisen, dass seine Antoinette VII ebenfalls dazu in der Lage war. Am 27. Juli startete Latham erneut. Diesmal kam das Flugzeug bis auf rund 2,5 km an die englische Küste heran, bevor wieder der Motor versagte. Latham wurde vom britischen Kampfschiff Russell geborgen.

Die Antoinette verfügte über keinen üblichen Steuerknüppel.

Die Höhenruder-Seitenruder-Einheit, mit Solartex bespannt, wurde authentisch leicht gealtert.

Die Flügel entstehen. Besonders auffällig ist die erste Rippe, diese wurde dem Original nachgebildet und war nicht verkleidet.

Die Flügelaufnahmen und der Hauptträger sind konstruktiv wie beim Original gestaltet.

Sehr herausfordernd ist die Konstruktion des gefederten Einbein-Fahrwerks. Die einzelnen Spannseile sichern die Spurtreue, müssen aber entsprechend dem Federweg etwas lose montiert werden.

Die Räder stammen aus einem antiken Kinderwagen (Vielleicht sucht irgendeine Mutter verzweifelt nach den Rädern ihres Kinderwagens? Ha, ha...)

Es wird wieder mal eng im Atelier von Rainer!

Besonders auffällig sind die Kufen am Flügelende. Diese hatten durchaus ihre Berechtigung, wirkten sie bei Bodenberührungen der Flügel sehr entlastend.

Exotisch anmutende Verspannung. Die Flügelstützen halbieren jedoch die aufkommenden Kräfte im Flug.

Mit den Steuer-rädern hat der Pilot damals die Antoinette gesteuert.

Sehr schön passend der Roto-85-ccm Reihenmotor. Die Auspuffanlage wurde aus einer Campinggas-Kartusche gelötet. Unter dem Motor sind 3,5 kg Blei verstaut. Dies war bei einem Modell dieser Grösse und dem extrem langen Rumpf zu erwarten.
| Original Antoinette VII | Modell Mattle | |
| Besatzung | 1 bis 2 | |
| Massstab | 1:3,5 | |
| Länge (m) | 11,5 | 3,210 |
| Spannweite (m) | 12,80 | 3,740 |
| Höhe (m) | ||
| Flugfläche | 50 m2 | |
| Startmass (kg) | 590 | 21 |
| Antrieb | Achtzylinder-V/Motor 8 | Roto 85 ccm Viertakt |
| Höchstgeschwindigkeit | 70 km/h |

Wie damals werden die Schriftzüge auch hier von Hand appliziert. Schön auch zu sehen, die genagelten Tuch-halteleisten.

Rainer Mattle mit seinem gelungenen Werk.

Zum Video:

Antoinette:

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