Die Sinnlichkeit des Modellbaus und -fliegens
Balsaholz duftet wunderbar.
Winter, Bausaison, aber auch die Saison des Winterschlafs und somit der Träume. Wenn ich so zurückdenke, eine warme Stube, draussen schneit es, und ich öffne das erste Mal den neuen Schnellbaukasten von Graupner.
Ach wie gut das duftet, das Balsaholz hat einen richtig holzigen und doch etwas süsslichen Geruch. Was so gut duftet, muss auch gut fliegen: die präzise gestanzten Rippen, die feinen Leisten, die schönen Beplankungsbrettchen. Und dann erst noch der Plan, einfach Spitze. Wenn ich das heute mit einem ARF, RTF oder sonst wie -F vergleiche ... Leute, ihr wisst nicht, was ihr verpasst habt. Der prägnante Duft von einem Hartkleber, verglichen mit dem heutigen Epoxygestank, das heutige eilige Zusammenschustern gegenüber dem sinnlichen Bauen von anno dazumal. Der durch alle Winkel der Wohnung ziehende Duft des Spannlacks gegen das verklebte Bügeleisen von heute. Aber der «Fortschritt», der Lauf der Zeit lässt sich nun mal nicht aufhalten. Auch ich geniesse die Voll-GFK-Maschine und baue nun trotzdem wieder einfach so zum Spass einen Balsa-Segler. Es ist kein Graupner-Modell, es duftet auch nicht ganz so gut. Aber das soll keine Wertung sein, nur eine Feststellung.
Im Frühsommer dann, im voralpinen oder alpinen Gelände, pfeifen die Voll-GFK-Maschinen dem Hang entlang, Wölbklappen leicht raus, sie nehmen jeden kleinen Aufwind mit, der Lift geht nach oben. Es ist schon lässig, die moderne Technik mit den perfekten Profilen, der umfangreichen Elektronik. Ich geniesse es.
Aber nun kommt mein ganz persönliches Highlight: Nur noch Schachwind, ich werfe meinen alten Holzsegler über die Hangkante. Ganz wie von selbst fliegt der einfache Segler im Aufwind bzw. in der Thermik. Leichte Korrekturen mit dem Seitenruder reichen, damit das Modell in der Nähe bleibt. Die Technik ist sehr einfach: Seitenruder und Höhenruder, dazu 4 Eneloopzellen à 2000 mAh, kombiniert mit einem einfachen Sender (natürlich ohne Display ...). Alles geht ganz ruhig, kein Stress, ich kann vor mich hinträumen. Das ist für mich die Erholung vom Alltag, da kann ich mich regenerieren; diese Art von Modellfliegen brauche ich ab und zu.
Auch das Rumturnen mit voller Technik ist ein Spass und ein Abstand zum Alltag. Aber in der Natur sitzen und einem Segler zuzusehen, der seinen Weg fast alleine findet, das ist für mich die echte Sinnlichkeit des Fliegens.
Und das ist das Schöne am Modellfliegen: Jeder kann und soll auf seine eigene Art glücklich werden. Und da sind Sprüche wie «Was soll dieser Anfängersegler hier?» und Ähnliches völlig fehl am Platz, destruktiv und beleidigend. Und so hoffe ich, dass ich ab und zu noch einen Gesinnungsgenossen in unserer prachtvollen Bergwelt antreffe und mit ihm zusammen das stille Sein der Segler geniessen kann. Bei einem abschliessenden guten Glas lässt sich doch wunderbar philosophieren. Wie einfach wir doch eigentlich glücklich sein können? ■
*Dieter Voegelin*


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