Titelstory

TRS 4 – «Der tragische Schrauber»

von Andreas Locher
4

Kein Modellbauer, der sich den legendären vierrotorigen Tragschrauber TRS 4, den «tragischen Schrauber», als Bauprojekt vornimmt, wird sich je auf Originaltreue und Authentizität berufen können – von diesem sagenumwobenen Flugapparat existiert schlicht kein greifbares Originalbild. Auch das Helikoptermuseum Bückeburg verfügt über keinerlei Unterlagen zu diesem aviatischen Unikum.



Als modellbaubegeisterter Junge machte ich mir in den 1950er-Jahren sehr wohl mein Fantasiebild dieses Ungestüms, mit welchem Wilhelm Olrik offenbar auf so tragische wie spektakuläre Art verschollen ist. Immer wieder drängten wir Kinder unsere Oma bei sonntäglicher Kaffee- und Kuchenrunde, die Geschichte von «Onkel Wilhelm» und seiner Teufelskiste zu erzählen. Wohlige Schauer erzeugte die Mär auch noch beim hundertsten Mal...


Familieninterna und das Drama des «Onkel Wilhelm»

Der Däne Wilhelm Olrik war zwar in keiner Weise mit unserer Familie verwandt, firmierte in den Erzählungen dennoch stets als «Onkel Wilhelm», denn immerhin war unsere Oma mütterlicherseits mit seiner Schwester befreundet. Onkel Wilhem – Bastler, Erfinder, Konstrukteur und schräger Kauz – war eigentlich Konditor von Beruf, aber sein Hauptinteresse galt aviatischen Tüfteleien. Effektiv geflogen sei einzig der hier beschriebene

Tragschrauber, aber nicht minder hintergrissen waren wir Kinder von einem Flugapparat, der angeblich von einer umgebauten Teigknetmaschine angetrieben wurde und den Flügelschlag der Vögel nachahmen sollte.

Mein Grossvater, Max Fiedler, seinerseits begeisterter Flieger in den 1920er- und 1930er-Jahren, sei als Ingenieur von Olriks kuriosen Erfindungen immer fasziniert gewesen. Olrik war vermutlich etwas älter als mein Grossvater und dürfte bei seinen Tragschrauber-Eskapaden ungefähr 42-jährig gewesen sein.

Die erste Version seines Tragschraubers soll 1935 entstanden sein, sei aber nicht über wenige Hüpfer hinausgekommen und schlussendlich bei einer «Landung» umgekippt. Nach zahlreichen Umbauten und Modifizierungen sei es schliesslich – so die Legende – im Jahr 1937 an der dänischen Küste zu jenem einzigen und desaströsen Flug gekommen.

Gemäss Zeitzeugen soll Olrik, wie in einer Zeitschrift berichtet wurde, «im Flug auf's offene Meer hinaus in ver-



zweifelter Kopfüber-Position mit Werkzeug hantierend» versucht haben, das Gerät unter Kontrolle zu bekommen. Dieses sei jedoch «unsteuerbar, aber dennoch stabil geradeaus fliegend am Horizont über der Nordsee entschwunden» – zum Entsetzen des gebannten Publikums. Bereits in jener Zeitschrift sei von Olrik vom «tragischen Schrauber» geschrieben worden, ein Übername, der später am Flugapparat selbst hängen bleiben sollte.



Tüftler Wilhelm Olrik vor seinem selbst gebauten Hängegleiter (1913), kurz «vor dem Absturz im Rebberg», wie ein Vermerk auf der Rückseite der Fotografie verrät.



Wilhelm Olrik im Cockpit des Klemm-Tiefdeckers: Das Bild entstand 1929 nach der Landung auf dem zugefrorenen Zürichsee; an der Tragfläche stehend Pilot Max Fiedler.


Der Anstoss zum Nachbau als Modell

Die ganze Wilhelm-Olrik-Geschichte wäre für mich eine familieninterne Legende geblieben, hätte ich nicht bei einer Estrichentrümpelung unversehens ein paar vergilbte Umschläge in Händen gehabt. Sie enthielten nebst anderen Fotos aus fliegerischen Frühzeiten zwei Bilder mit wenigen Angaben auf den Rückseiten. Das eine zeigt besagten Wilhelm Olrik vor seinem selbst gebauten Hängegleiter; Jahrzahl: 1913, Vermerk: «Vor dem Absturz im Rebberg».

Die andere Fotografie zeigt Olrik im Cockpit des Klemm-Tiefdeckers, kurz



Wellblech-Effekt durch gerilltes Depron.



Speichenrad, luftbereift 0,3 Gramm schwer.



Winziges Spornrad am edlen Bambus-Ausleger.



In «Bambus» aufgebauter Rotorpylon auf der Stummelfläche.


nach der Landung auf dem zugefrorenen Zürichsee 1929; an der Fläche stehend Pilot Max Fiedler.

Für mich am wertvollsten und gewissermassen die Initialzündung für mein nächstes Modellbauprojekt war eine etwas zerknitterte Handskizze, die mein Grossvater seinem «Bruder im Geiste» kurz vor dessen Debakel im Frühjahr 1937 gewidmet haben soll. «Tragschrauber über den Alpen» ist – etwas gar schwelgerisch – auf der Rückseite vermerkt.

Anhand dieser Skizze machte ich mich an den «Scale-Nachbau» dieses Monsters, das in seiner Auslegung eigentlich eine Entenkonstruktion darstellt: kleine Rotoren vorne, Hauptrotoren hinten. Rotorengrosse, Rumpflänge, ja eigentlich alle Masse wurden geschätzt und in Relation zur Pilotengrösse auf ein ungefähreres 1:24-Mass umgerechnet.


Leichtbau und ein bisschen «Pi mal Daumen»

So entstand ein Kleinmodell, das in schon oft praktizierter Depron-Balsa-CFK-Kombination aufgebaut und sehr leicht gehalten werden konnte. Durch die Verwendung von dünn geschliffenem Depron (0,8–2 mm) und dem Einbau möglichst leichter Komponenten wurde schliesslich ein Abfluggewicht von 38,7 Gramm erreicht. Die Rumpfkonstruktion ist simpel: Rumpfdeckel und -seitenwände aus einem Stück (Abwicklung zunächst als Kartonmuster), drei Stützspanten im Rumpffinnern als «Formgeber» und für die vordere Abdeckung «gerilltes» Depron als Wellblech. Das Modell entstand im Jahr 2010, die RC-Komponenten entsprechen dem damaligen Mikro-Standard. Als Treibling dient ein kleiner Glockenankermotor (Durchmesser 7 mm), im Tank eine Lipozelle mit 150 mAh. Eine Spektrumeinheit AR6400 fand in einem Reisekofferchen Platz, welches auf einem Gepäckträger auf der Rumpfoberseite festgezurrt ist. Dieses Gepäckstück verpasste ich dem



Das geheimnisvolle Kofferchen.



Ersatzschraubenschlüssel in der Hosentasche.


Beherbergt Elektronik und Linear-Servos.


Tragschrauber

Tragschrauber, auch Drehflügler oder Autogyro genannt, verfügen über keine angetriebenen Rotoren. Vielmehr wird das Drehen der Rotorblätter, welches letztlich den Auftrieb bewirkt, durch den «Fahrtwind» erzeugt. Die Vorwärtsbewegung des Flugzeugs wird wie bei «normalen» Motorfliegern z. B. durch einen Zug- oder Druckpropeller erzeugt. Aus diesem Grund kann ein Autogyro im Gegensatz zum Helikopter nicht an Ort schweben. Berühmte Tragschrauber in den 1920er-Jahren waren etwa jene des Spaniers Juan de la Cierva. Bei richtiger Auslegung fliegen Tragschrauber äusserst stabil, was sich auch beim vorgestellten Modell absolut bestätigte: Der «tragische Schrauber» ist lammfromm und sehr angenehm zu steuern.



Eine LiPo-Zelle mit 150 mAh im Tank.



Klipp und klar eine Ente.



Gelungener Bodenstart.


Technische Daten des Modells / données techniques du modèle
Bezeichnung / désignation:TRS 4
Art / configuration:4-rotoriger Tragschrauber Entenkonfiguration
gyrocoptère à 4 rotors configuration canard
Massstab / échelle:1:24
Hintere Rotoren / rotor arrière:20 cm Durchmesser / diamètre 20 cm
Vordere Rotoren / rotor avant:17 cm Durchmesser / diamètre 17 cm
Länge ü. a. / longueur totale:42 cm
Abfluggewicht / poids en vol:38,7 Gramm / 38,7 grammes
RC / RC:AR6400 Spektrum
Akku / accu:1 Lipo 150 mAh
Baujahr / année de construction:2010

Der «Kopfüber-Held»

Die Pilotenfigur, aus Styrodur «aus dem Vollen geschnitzt» und bis zu den Knöcheln ausgehöhlt, sollte natürlich den tragischen Helden darstellen. Seine Gesichtszüge sind auf den wenigen historischen Fotos nicht auszumachen; so sollte der tragische Held wenigstens in jener Position verewigt werden, in welcher er den letzten Zeitzeugen in Erinnerung blieb: kopfüber!

So schraubt er also im unteren Cockpitbereich auf ewig weiter – einzig mit dem kleinen Trost, dass er in der hier vorgestellten Modellversion stets zum Startplatz zurückkehren darf.




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