Sport

Der Freiflieger zu Gast beim Bauern

von Urs Muntwyler
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Der Modellflug braucht geeignetes Gelände. Während beim RC-Modellflug primär eine Start- und Landepiste benötigt wird, sind die Anforderungen im Modell-Freiflug anspruchsvoller.


In den verschiedenen Freiflugdisziplinen von F1A bis F1Q werden die Modelle mit verschiedenen Startarten in eine Höhe von über 100 m gebracht und segeln dann 3 Minuten und mehr. In dieser Zeit können sie vom Wind bis zu mehrere Kilometer weit verfrachtet werden. Sie landen dann im Normalfall ohne Einwirkung des Piloten. Das bedingt, dass der Landeplatz möglichst keine Gebäude, Hochspannungsleitungen, Strassen, Bäume, Gewässer und sonstige Hindernisse hat, die das Modell beschädigen könnten oder gar Schäden an Flora und Fauna zur Folge haben könnten. Gefragt sind also grosse, freie Gelände. Diese sind in der dicht besiedelten Schweiz immer weniger zu finden.

Wären die Schweizer Freiflieger eine Tiergattung, so würden sie – kurz vor dem Aussterben – flugs unter Schutz gestellt und würden ein geeignetes Reservat erhalten. Dies ist nicht der Fall. So berichten unsere älteren Freiflug-Kollegen, dass immer mehr früher geeignete Gebiete durch die Zersiedelung, Strassen, Hochspannungsleitungen, Zugtrassen etc. dem Freiflug verloren gingen. Die Flächen, auf denen der Freiflug betrieben wird, sind in der Schweiz in der Regel landwirtschaftliche Flächen. Diese können nur zu bestimmten Jahreszeiten betreten werden. In der Vegetationsphase muss daher oft auf den Freiflug verzichtet werden. Von September bis April ist der Zugang zu den Feldern oft möglich. Die kleinteilige Landwirtschaft erschwert die Benutzung der für den Freiflug geeigneten grossen Flächen weiter, müssen doch viele Bauern gefragt werden. Das bedingt eine gute und konstante Kommunikation mit den Bauern und unter Umständen der Gemeindebehörde des betroffenen Gebietes. Bei den Wettkämpfen im Gürbetal im Oktober 2023 gehen Startgelder an die betroffenen Bauern.


Bedürfnisse der Bauern

Kommunikation und Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Bauern sind zentral. So wurde die Schweizer Meisterschaft im Hangflug F1E vom 11. Juni 2023 verschoben, weil wichtige Flächen im Landebereich mit Raps- und Getreidefeldern belegt waren. Der Teamchef der Freiflieger, Alfred Andrist, besucht im F1E-Fluggebiet Wijkartswil bei Worb jährlich alle Bauern und bringt ein Jahresendgeschenk mit für die Benutzung des Geländes. Für den Gürbe-Cup 2023, eine Weltcup-Wertung, haben die Organisatoren zuerst die betroffenen Bauern und die Gemeindebehörden der betroffenen Gemeinde konsultiert. Im Freiflugbetrieb ist ebenfalls Umsicht gefragt. Zum Zurückholen der Modelle werden die Flurwege benutzt, um möglichst wenig Weg auf dem landwirtschaftlich genutzten Land zurückzulegen. Dies wird zu Fuss gemacht. Das Auto bleibt so geparkt, dass die Bauern mit ihren landwirtschaftlichen Gefährten nicht behindert werden. Es versteht sich in der Schweiz von selbst, dass nichts liegen gelassen wird und der Abfall abtransportiert wird.

Fliegt das Freiflugmodell über die landwirtschaftliche Fläche hinaus und landet es zum Beispiel in einem Vorgarten, gibt es zusätzliche Herausforderungen. Senkrecht landende F1A-Segler im Vorgarten schätzen nicht alle, wie ich in Mühlethurnen im Gürbe-Cup-Gelände erfahren musste. Mein Modell, das trotz Thermikbremse durch den starken Wind ins Einfamilienhausquartier abdriftete, wurde als ungebetener Gast betrachtet, der fast eine «arme Topfpflanze» ums Leben brachte. Während die Hausherrin tief einatmete um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, habe ich den schnellen Rückzug angetreten. Die Akzeptanz für den Freiflug hat in dem Fall noch «Luft nach oben».


Lokale Verankerung

Das Ringen um Akzeptanz kennen auch die mannttragenden Segelflieger in der Schweiz. So trugen die Teilnehmer am alpinen Segelfluglager in Saanen (Region Gstaad) Buttons mit Segelfliegeraufdruck. Damit konnten die Besucher in örtlichen Geschäften und Restaurants als Segelflieger erkannt werden. In den alpinen Segelfluglagern in Samedan (Region St. Moritz) besuchten wir die lokalen Restaurants reihum mit Anmeldung, sodass die Beizer von der Ankunft der Segelflieger aus Grenchen wussten. Akzeptanz im Voraus schaffen ist wichtig in der Schweiz. So kann sich der lokale Bauer plötzlich als Mitglied des örtlichen Gemeinderats oder gar als Gemeindepräsident entpuppen oder der Freizeitbauer am Rande des Freifluggeländes der zuständige Minister des Kantons (und damit alle Jahre turnusgemäss Ministerpräsident) sein. Die lokale Verankerung hat also viele Facetten in der Schweiz. Ein in der Gemeinde wohnender, allseits bekannter Freiflieger ist da Gold wert.



Gegenseitiges Verständnis

Schliesslich wichtig ist auch ein gegenseitiges Verständnis von Freifliegern und Bauern. Während die einen ihrem Hobby frönnen, arbeiten die anderen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Bauern werden vom zunehmenden Druck der Freizeitgesellschaft bedrängt. Das Gespräch mit den Bauern, auch mal bei einem gespendeten Bier, verbessert das gegenseitige Verständnis, ohne dass der Schweizer Freiflug auch noch seine letzten Refugien verlieren würde. So tragen die Bauern im Gebiet des Gürbe-Cups bei Mühelthurnen dazu bei, dass Freiflug-Athleten das ganze Jahr bei ihnen trainieren dürfen. Alleine bei den F1A-Seglern sind dies die gesamte CH-Nationalmannschaft: Michi Bleuer (2-facher Gewinner F1A-Weltcup), Christian Andrist (3. WM 2019) und der Weltmeister von 2023, Lauri Malila. So haben die Bauern im Gürbetal wesentlich zum Weltmeistertitel von Lauri Malila beigetragen. So hat Lauri im Abschlusstraining zur WM 2023 4 Stunden lang ein Modell in den üppigen Maisbepflanzungen des Gürbetals gesucht. Akzeptanz im Umfeld bringt mehr als die Hoffnung auf ein «Freiflug-Reservat». Dafür ist die Akzeptanz dann doch zu wenig gross.



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