Alles nur China-Schrott?
Man mag es bedauern, doch es ist unbestreitbar: Der überwiegende Teil unseres Modellzubehörs wird in Südostasien hergestellt. Seit Jahren profitieren wir in Europa davon in Form einer breiten Angebotspalette, niedriger Preise und – auch das lässt sich kaum leugnen – von Fertigmodellen, die inzwischen eine Qualität erreichen, wie sie der Durchschnittsmodellflieger in seinem Bastelkeller selbst nicht besser bauen könnte. Das Produktionszentrum befindet sich in der südchinesischen Region Guangdong, nördlich angrenzend an Hongkong. Ich bereiste die Region im März 2010 und liess mir von guten Freunden jene Türen öffnen, hinter denen Maos Erben Modellmotoren, elektronisches Zubehör und auch Modelle fabrizieren. Eine interessante und erkenntnisreiche Reise durch einen bisher in Europa nur wenig bekannten Teil unserer Modellbauwelt.
Shenzhen, die rasch wachsende 12-Millionen-Industriestadt nördlich von Hongkong am Pearl River gelegen, gilt schon lange als die chinesische Technologie-Metropole. Hier hat sich in den zurückliegenden Jahren auch eine prosperierende Modellbauindustrie etabliert. Weitere Ziele waren die «Millionenstädtchen» Dongguan und Guangzhou weiter im Nordwesten.
Die Entdeckungsfahrt begann bei der Elektronikfirma ZTW in einem der riesenhaften Industriegebiete von ShenZhen. Schon die Fahrt dorthin gerät zum Erlebnis, denn der Fahrstil der chinesischen Verkehrsteilnehmer ist äusserst «kreativ». Eingezeichnete Fahrspuren und Fahrtrichtungsregeln gelten allenfalls als Empfehlung. Wer lauter hupt, darf zuerst fahren. Der Taxifahrer findet das Planquadrat, muss sich aber lange durchfragen, ehe er uns am Firmengebäude, das aussieht wie alle anderen, absetzt. →

ZTW baut Drehzahlsteller/-regler für bürstenlose Modellmotoren. Es bedarf wenig detektivischen Spürsinns, unter dem schwarzen Schrumpfschlauch die Regler hier bekannter Marken zu entdecken (was man uns auch freimütig bestätigt). Man präsentiert uns die gesamte Produktpalette auf einem roten Küchentablett. Kleine Besichtigung der Produktionsräume gefällig? Gerne führt man uns durch die Firma und zeigt uns auch den Raum, wo die maschinell vorbestückten Platinen endmontiert und mit Anschlusskabeln versehen werden. Gelötet wird mit bleifreiem Zinn. Wie bekannt, entwickelt aber auch diese Art von
Löten unangenehm wirkende und nicht gerade gesundheitsfördernde Dämpfe. Hierzulande schreibt man im industriellen Bereich deshalb Abzugsanlagen vor, welche die Dampfschwaden absaugen und filtern. In China lösen sich solche Probleme anders. Jeder Arbeitsplatz hat einen Geräteventilator, der die Abgase in die Mitte des Raumes befördert, sodass letztlich alle was davon haben; ein «Entsorgungsprinzip», das uns noch in den unterschiedlichen Formen begegnen sollte. Dass die Raumluft ständig bewegt wird, dafür sorgt neben einigen Raumventilatoren auch die Funktionsprüfung, dem jeder
produzierte Motorcontroller am Schluss im selben Raum noch unterzogen wird: Er muss einen dicken Motor mit grossem Propeller einige Sekunden lang dröhnen lassen; sicherheitshalber liegt Letzterer hinter einem Drahtgitter.

Gerne hätte ich auch mal gesehen, wie LiPos gefaltet und eingetütet werden, doch das lag nicht im Bereich des Möglichen. So führte uns der Weg zu Thunder Sky, laut eigener Website (http://www.thunder-sky.com/home_en.asp) weltgrösster Hersteller (weltgrösster) Lithiumakkus (bis 7000 Ah). Für welche Klientel man arbeitet, wurde schon beim Abholen im luxuriös ausstaffierten, voll elektrisch laufenden Firmenbus klar: Man baut Stromquellen u.a. für Elektromobile. In den Strassen von Shenzhen sind Elektro-Kleinkrafträder und E-Motorroller eh schon mehr die Regel als die Ausnahme. Doch während man beispielsweise im Autoland Deutschland über den ökologischen Nutzen und die Reichweite eines elektrisch betriebenen Smart noch diskutiert, fahren in China bereits Stretch-
limousinen und Busse mit rein elektrischem Antrieb durch die Strassen. Gut möglich, dass auch auf diesem Sektor die Sicherheitsaspekte eher grosszügig behandelt werden; doch
der fernöstliche Vorsprung bei dieser Zukunftstechnologie scheint mit Händen zu greifen. Dass man sich dessen auch durchaus bewusst ist, macht einiges erklärbar. Bei keiner anderen chinesischen Firma gab man sich derart zugeknöpft. Fotografiert werden durften nur Exponate hinter Glas. Der tatsächliche Produktionsort der Akkus wurde nicht mal genannt, allzu detaillierten Fragen meinerseits mit der Gegenfrage «Do you produce batteries?» beantwortet. Na also, ganz so schlimm scheint es in China um den Schutz geistigen Eigentums nicht zu stehen, vorausgesetzt, das Gefälle verläuft in die richtige Richtung.

Fly Fly Hobby wurde hier in den letzten Jahren durch seine wirklich schon ausgewachsen wirkenden, gut fliegenden Foam-Jets bekannt. Sie präsentieren sich mehr oder weniger flugfertig in den Programmen hiesiger Importfirmen. Man führte uns durch die gesamte Produktion, ohne etwas zu verstecken, sprach offen über Probleme und Zukunftsprojekte. Zu besichtigen war nahezu die gesamte Bandbreite der Modellproduktion vom Aufbau der Rippenflügel bis zum Entformen und Nachbearbeiten von GfK-Rümpfen (es roch nach Polyester). Hierbei fällt auf, dass eine grosse Anzahl von Arbeiterinnen allein damit beschäftigt ist, Oberflächen nachzuspachteln und zu verschleifen. Dies ist dort offensichtlich preisgünstiger, als verbrauchte Formen auszutauschen. →

Die für europäische Standards sehr niedrig entlohnten Arbeiterinnen und Arbeiter wirken aber keineswegs wie Leibeigene ihres Arbeitgebers. Es sind Ansätze von Arbeitsschutzdenken erkennbar. Wer Schleifstaub produziert oder mit Klebstoff hantiert, trägt eine grüne Stoffmaske vor Mund und Nase. Dass sie auch dem kleinen Mann an der Lackierstation hilft, bleibt zu hoffen. Immerhin
ist seiner individuellen Gesundheit ein gross dimensionierter Ventilator zu Diensten, der die Lackdämpfe unmittelbar an die frische (?) Luft befördert. Auf ein bisschen mehr dicke Luft kommt es in Südkina ohnehin nicht an. Könnte man die Sonne sehen, wäre es sicher noch ein wenig heisser. Das Firmengebäude von Fly Fly Hobby beherbergt auch eine personell üppig besetzte Entwicklungsabteilung. Möglich, dass die jungen Herren an den Flachbildschirmen so manche westliche Vorlage aufgesogen und in ihr CAD-Programm eingepflegt haben, doch sie arbeiten in hohem Masse kreativ. Noch bleibt ganz offensichtlich ein gutes Stück Weg zu gehen, ehe die dort entwickelten Zubehörteile die teuren westlichen Qualitätshersteller das Fürchten lehren. Noch bedient man eher den konsumorientierten Teil der westlichen Hobbykunden. Doch auch die japanische Phonoindustrie war in den 1960er-Jahren noch nicht zu der wirklich audiophilen Kundschaft vorgedrungen.
Vor ziemlich genau zehn Jahren wurde in einer deutschen Fachzeitschrift die Bauanleitung eines neuartigen Modellmotors publiziert. Heute werden LRK-Aussenläufer zu Zigtausenden in China gefertigt. Man kauft sie heute zu Preisen, die damals nicht mal die Materialbeschaffungskosten gedeckt hätten. Ich wollte unbedingt her-
ausfinden, wie so was geht. Die Xingyaohua Industrial Co. Ltd. in Shenzhen baut Modellbaumotoren aller Grössen und Formen. Man folgt dabei nicht irgendeiner Philosophie, sondern baut, was der Markt verlangt: Innenläufer, Aussenläufer, gross, klein, zylindrisch oder in Form einer Fahrradklingel, alles ist machbar! Jeder Grosskunde bekommt aus dem Katalog der möglichen Eloxalfarben diejenige, welche er sich wünscht. Das «Speichen-Design» der Rotorglocke ist ebenso wählbar wie Art und Menge der Erleichterungsöffnungen in der vorderen Montageplatte. Hergestellt werden die Motoren auf eigenen Dreh- und Fräsmaschinen, die aussehen, als könnten sie in einem früheren Leben auch schon europäischen Firmen gedient haben. Gleiches scheint für die Spritzautomaten zu gelten, auf denen die Kunststoffteile produziert werden.
Gewickelt werden die Motoren fast ausschliesslich von fleissiger Chinesinnen-Hand. Ob man die jeweils korrekte Windungszahl durch Konzentration beanspruchendes genaues Mitzählen ermittelt, steht dabei nicht zur Debatte. Vielmehr wird die Länge der Drahtbündel vorher festgelegt und dann einfach bis zum Anschlag gewickelt. Ein optimaler Füllfaktor kann da nicht oberstes Gebot sein. Gewisse Exemplarstreuungen werden erklärbar. Doch ansonsten herrscht routinierte Professionalität. Die Teile wer-

Nicht fehlen durfte jener Hersteller, der in den letzten Jahren durch Modelle in allerhöchster Qualität hervorgetreten ist und bei dem unter anderem Firmen wie Silvestri, Hyperion oder Hepf ihre Modelle bauen lassen. Hierbei wurden in der Vergangenheit meist komplette Konstruktionen zur Fertigung zu der Haikong Mfg. Co. (http://www.dghaikong.com/) in das schmucklose Industriegebiet

der weiter nördlich gelegenen Stadt Dongguan verbracht. Heute ist der firmeneigene Brainpool dort so weit, dass die Angabe von Flugzeugtyp und Nachbaumasstab genügen, um ein bestimmtes Modell gebaut zu bekommen.
Präzision scheint auch im Reich der Mitte primär eine Führungsaufgabe zu sein. Der Firmenchef, der sich westlichen Ohren zuliebe einfach Mr. Bear nennen lässt, gründete die Firma 2004 mit zehn Mitarbeitern, nachdem ihn die Qualitätsansprüche seiner einstigen (Name dem Autor bekannt) Firma nicht mehr befriedigt hatten. Inzwischen beschäftigt er mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Alter von 18 bis 40 Jahren, die grösstenteils auf dem Fabrikgelände in einem mehrgeschossigen Wohntrakt leben und dort auch verköstigt werden. Die Unterbringung erfolgt normalerweise in 6-Bett-Zimmern, etagenweise nach Geschlechtern getrennt. Eine ungelernte Kraft erhält üblicherweise im Monat umgerechnet 150 € bei freier Kost und Logis. Im Krankheitsfalle steht ein Arzt auf Firmenkosten zur Verfügung. Ein Konstrukteur (Ingenieur) kriegt etwa das Doppelte. Ungefragt fügt Mr. Bear gleich hinzu, dass die Know-how-Träger seiner Firma alle der Verwandtschaft entstammen. Die Buchhalterin und Chefsekretärin ist ihm angetraut. So schützt sich der erfahrene chinesische Unternehmer vor geistigem Diebstahl.
Die Arbeitszeiten muten für europäische Verhältnisse erst mal weniger attraktiv an. 7.30 bis 11.30 Uhr. Mittagspause. 13.30 bis 17.30 Uhr. Abendessen. Danach noch mal ran von 18.30 bis 21.30 Uhr. Sechs Tage die Woche. Der Sonntag ist frei. Nach Hause – meist tief im ländlichen Inneren Chinas – geht es nur zum chinesischen Neujahrsfest.
Die Arbeitsatmosphäre in einer solchen chinesischen Modell-Manufaktur wirkt indes weder hektisch noch irgendwie getrieben, aber sehr konzentriert. Man lässt sich weder durch die langnasigen Besucher noch deren lästiges Kamerageblitze von der Arbeit ablenken. Maos einheitsblaue Arbeiteruniformen haben die jungen Chinesen längst abgelegt. Sie erscheinen auffällig adrett gekleidet am Arbeitsplatz. Man freut sich, zu denen zu gehören, die Arbeit haben, und sonntags in den ausgedehnten und unvorstellbar überfüllten Einkaufspassagen shoppen gehen zu können. Das verbleibende Geld reicht dann immer wieder für ein neues T-Shirt und irgendwann auch für ein schickes Nokia-Handy, auch wenn die aufgedruckten Markennamen nicht immer ganz waschecht erscheinen. Es ist fraglos unser westlicher Lebensstil, den sich Chinas Jugend zum Leitbild erkoren hat. Wer als praktizierender Modellflieger die Produktionsstätten betritt, wähnt sich erst mal im Schlaraffenland. Regale voller
Rumpfrohbauten, Flächen, Leitwerke, die bei ihrer Wanderung durch das Werk dann nach und nach die Umkehrung dessen erfahren, was man hierzulande als Striptease bezeichnet. Doch wird hier nicht etwa im grossen Stil gebastelt, es wird produziert. Balsabretten werden zugesägt, geschliffen und – man staune – gewogen. Es soll nicht vorkommen, dass eine Flügelhälfte deutlich mehr wiegt als ihr Gegenstück. Tragende Teile – grundsätzlich aus Sperrholz – werden einschliesslich aller Erleichterungslöcher mit dem Laserstrahl geschnitten. Der heisse Strahl zerteilt die Bretter abfallminimiert, Was dennoch übrig bleibt, wird in der Küche beim Reiskochen nutzbringend verheizt.
Die Formteile wie Leitwerken, Flächen, Rümpfen entstehen
auf einfachen Holzformen. Und obgleich sie eigentlich primitiv anmuten, sind sie millimetergenau und bausicher. Da wird nichts schief, und jeder Rumpf passt zu jeder Fläche. Beplanungen werden nach dem Leimauftrag mit jeder Menge Gummiringen, fixiert. Geklebt wird mit Sekundenkleber und zuweilen (etwas zu) reichlich Weissleim.
Ein geradezu voyeuristisches Erlebnis ist es, beim Bügeln der Modelle zuschauen zu dürfen. Nicht nur, weil diese anspruchsvolle Massarbeit nahezu ausschliesslich von jungen Frauen erledigt wird, sondern weil man meint, auf diese Weise endlich das Geheimnis faltenfreien Folienbügelns ergründen zu können. Gerne hätte ich eine der Büglerinnen gefragt, wie sie es denn schaffe, selbst Folie auf Folie zu bügeln, ohne dass sich immer diese hässlichen Luftblasen dazwischenmogeln. Doch die Sprachbarriere erweist sich als nahezu unüberwindlich. Keine(r) spricht auch nur ein Wort Nicht-Chinesisch. Und selbst das ansonsten so hilfreiche Mit-Händen-und-Füssen erweist sich im Reich der Mitte zuweilen als sehr schwankende Brücke zwischen den Kulturen, auch wenn sie sich über unser Hobby schon deutlich nähergekommen sind.
*Ludwig Retzbach*


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