Titelstory

Eine charmante Dame aus Belgien

von Peter Sutter
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Wie wäre es wieder einmal mit einem Modell ganz aus Holz und dazu noch ein Doppeldecker? Die Antwort: Eine originalgetreue Stampe bis ins Detail vorgefertigt. Welcher leidenschaftliche Modellbauer könnte dem widerstehen?


Geschichte

Stampe und Vertongen war ein belgischer Hersteller von Flugzeugen. Das Unternehmen wurde 1922 von Jean Stampe und Maurice Vertongen in Antwerpen gegründet. Gebaut wurde u.a. die Stampe SV 4, ein Schul- und Trainingsflugzeug, das 1933 seinen Erstflug absolvierte. Das Flugzeug, das später auch in Frankreich und Algerien für die Grundausbildung der Luftwaffe in Lizenz gebaut wurde, hat einen betörenden Charme. Es ist – in der belgischen Version – mit einem 147 PS starken De Havilland Gipsy Major 10 MK1 hängenden 4 Zylinder-Motor ausgestattet, mit dem es etwa 200 km/h erreicht. Das Flugzeug ist kunstflugtauglich, wenn es auch für einige Figuren nicht zugelassen ist (nicht erlaubt sind nach Flughandbuch: Rückenflug-Looping und Richtungswechsel beim Rückentrudeln, Abfangen aus dem Sturzflug in den Rückenflug und gerissene Rollen über 65 kts. bzw. 120 km/h). Im Gegensatz zur Tiger Moth, von der sich die Stampe vor allem durch die Flügelgeometrie und durch die Form des Seitenruders unterscheidet, besitzt sie an allen vier Tragflächen Querruder und ist deshalb besonders wendig um die Längsachse. Das zweisitzige Flugzeug mit Doppelsteuerung besitzt keine Landeklappen, und es ist ganz aus Eschenholzleisten aufgebaut und mit Stoff bespannt. Nur die Beschläge, Verspannungen und der Motorträger bestehen aus Metall. Als Besonderheit wurde der Motor mit einer mitgeführten Pressluftflasche gestartet, die von einem vom Motor betriebenen Kompressor immer wieder nachgefüllt wurde. Selbstverständlich liess er sich aber auch von Hand anwerfen.


Konstruktion und Bausatz

Modellbau Schlundt hat diesen eigensinnigen, aber wunderschönen Doppeldecker als Vorbild für sein jüngstes Grossmodell genommen. Herr Schlundt, der Konstrukteur des bereits zu Lebzeiten zur Legende gewordenen Fly-Baby-Grossmodells, hat den Bausatz in monatelanger Kleinstarbeit anhand der Originalpläne und Recherchen vor Ort geplant und entwickelt. Wieder ist es ihm gelungen, absolute Vorbildtreue mit hoher Festigkeit des Aufbaus und leichtem Gewicht zu verbinden, und das alles bei einfachem und raschem Aufbau. Wie das Original wird auch das Modell in vollständiger Holzbauweise erstellt. Das Besondere daran ist aber, dass dieser



Konstruktion ein komplett passgenaues Stecksystem zugrunde liegt, indem alle Teile verzahnt und selbsttragend ineinandergesteckt werden und so die einzelnen Komponenten ohne Anfertigung von Stützen und Lehren in kürzester Zeit gebaut werden können. Dadurch ist es möglich, das Grossmodell auf einem einfachen Küchentisch aufzubauen. Perfektioniert wird das System durch den Umstand, dass in jedes Teil werkseitig eine Nummer eingefräst ist. Überdies sind alle, aber auch wirklich alle Bohrungen und Ausfräsungen schon fertig hergestellt, sodass keinerlei Anpassungs- und Nacharbeiten erforderlich sind, und die Baldachinstreben sind fertig verlötet. Schlundt ermöglicht es damit auch dem noch nicht so geübten Modellbauer, ein Modell höchster Güte und Qualität zu bauen. Er muss sich nicht an den – gerade bei einem Doppeldecker – oft gefürchteten Fragen wie Einstellwinkeldifferenz, Schränkung, Motorsturz und Seitenzug aufreiben. Dies ergibt sich aus der Konstruktion alles von selbst. Schlundt hat sich auch zum Ziel gesetzt, seinen Kunden einen Bausatz zu überlassen, der das Wort «komplett» verdient. Das ist ihm mehr als gelungen. Jedenfalls habe ich in meiner vierzigjährigen Modellbautätigkeit noch nie einen Bausatz in Händen gehabt, der mit so viel Liebe zum Detail und Vollständigkeit ausgestattet wurde. Die grosse Schachtel beinhaltet alle CNC-gefrästen Holzteile, Motorhaube und Öltank, fertige Flächenstreben, Fahrwerk, Vollgummiräder, einbaufertiges lenkbares Spornrad, Tank mit Beschlägen, Betankungsstutzen, Benzinschlauch, RC-Anlenkungsteile, Steckungen, Spannseile, Spannschlösser, Steuerseile, Schubstangen für eine absolut vorbildgetreue Querruderanlenkung, fertig zugeschnittene und gebohrte Cockpitscheiben, liebevoll gefräste Cockpitinstrumente, Lehren für den Aufbau des Baldachins (EWD!) und, last but not least, sogar Spezialwerkzeuge, um das Modell auf dem Platz rasch zu montieren. Schlundt hat es wirklich an nichts fehlen lassen. Vor allem aber – und das macht den Bausatz zur Besonderheit – sind alle Teile von bester Qualität und werden den hohen Ansprüchen an ein solches Modell gerecht. Zur weiteren Erleichterung des Aufbaus hat Schlundt eine über 80-seitige Bauanleitung erstellt, die mit mehreren hundert Detailfotos versehen ist. So ist jeder Schritt im Einzelnen mit vielen wertvollen Hinweisen und Tricks beschrieben, und zwar von Baubeginn bis zum Finish mit Gewebefolie. In diesem Zusammenhang Erwähnung verdient der Umstand, dass sich Herr Schlundt – auch am Wochenende, weil man dann ja vornehmlich am Bauen ist – jegliche Zeit für telefonische Beratung nimmt.


Technische Daten
Massstab:1:2,7
Spannweite:3,10 m
Rumpflänge:2,45 m
Antrieb:ZG 45/60 mit Getriebe
2,5:1
Abfluggewicht:18,5 bis 19,5 kg
Herstellung
und Vertrieb:
Modellbau Schlundt
Martin-Luther Str. 11a
D-46325 Borken
www.modellbau-schlundt.de


Motorisierung und Transport

Als Antrieb empfiehlt Schlundt einen ZG 45 oder 62 je mit einem hausintern entwickelten Getriebe 2,5:1. Diese Motorisierung hat sich schon beim Fly Baby mehr als bewährt. Sie dreht eine 34×20-Latte mit ca. 3000 Umdrehungen pro Minute. Beide Varianten stellen genügend Leistung zur Verfügung und betören durch ihren vorbildgetreuen Sound. Ein weiterer Vorteil dieser Antriebe besteht darin, dass im Modell bereits alles vorbereitet ist. Der Motordom ist mit den richtigen Bohrungen und dem notwendigen Sturz und Seitenzug versehen. Zudem lässt sich darin ein schon fertig gelöteter Edelstahlchalldämpfer wiederum mit schon vorbereiteten Bohrungen unterbringen. Der Transport dieses grossen Modells gestaltet sich unspektakulär, weil sich das Höhenleitwerk und das komplette Seitenleitwerk durch das einfache Lösen zweier Inbusschrauben vollständig entfernen lassen. Der Rumpf ist ohne Seitenleitwerk dann nur noch 220 cm lang, sodass er sich in jedem Mitteklassewagen unterbringen lässt. Das Fahrwerk lässt sich – wahlweise – ebenfalls abnehmbar herstellen, sodass sich die doch beachtliche Rumpfhöhe – verursacht durch den Baldachin des Doppeldeckers – für den Transport reduzieren lässt. Wer aus Gründen des rascheren Aufbaus auf dem Flugplatz das Fahrwerk fix ausgestaltet, kann den Rumpf für den Transport nötigenfalls auch auf die Seite legen. Der Zusammenbau auf dem Platz gestaltet sich aufgrund der Klippverschlüsse für die RC-Anlenkung und der für den Praktiker ausgelegten Flächen- und Leitwerksverspannung relativ einfach, auch wenn man sich dafür halt wirklich etwas mehr Zeit nehmen muss als bei einem Kofferraummodell.



Erstflug

Nachdem der Motor eingestellt ist und die Getrieberiemen nachgespannt sind, geht es zum Erstflug. Aufgrund einer unsauberen Lötstelle, die mir beim Zusammenbau des Fahrwerks unterlaufen ist, kommt es dann allerdings zu einer Bauchlandung, noch bevor das Modell die Pistenschwelle erreicht hat. Es bleibt also nachzutragen: Für den Baldachin und das Fahrwerk ist Erfahrung im Hartlöten wünschenswert. Beim zweiten Versuch hebt das Modell gleich dem Original nach kurzer Rollstrecke ab und geht in einen sanften Steigflug über, ohne dass auch nur die kleinste Trimmung erforderlich wäre. Das Modell erweist sich als absolut kunstflugtauglich, und die Figuren wirken aufgrund der Grösse und einer damit verbundenen optischen Trägheit – wir sind uns ja nur noch an hektische Ruck-Zuck-3D-Zelebrationen gewöhnt – einfach fantastisch und vorbildgetreu. Dies gilt in besonderem Mass auch für tiefe Vorbeiflüge, bei denen man glaubt, den Propeller sich drehen zu sehen. Natürlich sind auch Landeanflug und Landung eine Augenweide. Die Stampe lässt sich trotz fehlender Landeklappen aufgrund ihres hohen Stirnwiderstands fast im Schrittempo butterweich aufsetzen. Wirklich ein Genuss! Herr Schlundt, Ihr Aufwand hat sich – ich weiss trotz Rückschlägen in der Planung – gelohnt. Sie ermöglichen es dem Modellflieger, mit Freude an Holzmodellen in kurzer Zeit ein qualitativ sehr hochwertiges Flugzeug zu bauen, das auf jedem Flugtag seine Bewunderer findet.




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