Titelstory

In der Welt der Aviatik schnuppern

von Emil Ch. Giezendanner
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Das Pro Aero Jugendlager lebt

2012 wird sich das Pro Aero Jugendlager im Engadin zum 30. Mal jähren. Es gehört zu den wohl vielseitigsten und erfolgreichsten polyaviatischen Nachwuchsförderungseinrichtungen weltweit. Das Grundkonzept ist erhalten geblieben: Handwerkliche Praxis beim Bau eines Fluggerätes, Theorie zum Flugzeug, Einfliegen und Flugversuche, Präsentationen über berufliche Laufbahnen in der Luftfahrt sowie Lufttaufe mit Fesselballon und Rundflug mit der einheimischen Motorfluggruppe.


Die Modellflieger haben dem Aero Club das Jugendlager geschenkt

Organisation und Durchführung des Pro Aero Jugendlagers gehören heute zu den Kernaufgaben des Aero Clubs der Schweiz. Das war nicht immer so. Gegründet wurde das Lager lange vorher durch die damalige Modellflugkommission (MFK) mit Präsident Werner Koelliker. Auf Beschluss der

MFK 1982 und der bereits frühen Unterstützung durch die Schweizerische Stiftung Pro Aero konnte ich das Lager viele Jahre – zusammen mit den Leitern der verschiedenen Bereiche – planen und durchführen. Administrative Unterstützung erhielten wir von Anfang an von Marco Schnyder, AeCS. Trotzdem kam jeweils eine grosse Menge Arbeit auf das gesamte Leiterteam und mich selber zu. Das Ganze stiess an die Grenze der Milizorganisation. Die ersten sechs Lager wurden in der Jugendherberge St. Moritz durchgeführt, später kam noch die Jugi Pontresina dazu, bis wir dann 1989 aufgrund der zu engen Platzverhältnisse in St. Moritz das Ganze ins Flablager S-chanf verlegen durften. Das Jugendlager endete für mich jeweils mit der Schlussabrechnung! Wenn heute der AeCS mit berechtigtem Stolz sein Jugendlager präsentiert, das sämtliche seiner übrigen Nachwuchsförderungseinrichtungen bei weitem überstrahlt, dürfen die Verantwortlichen nicht vergessen, dass diese Institution auf Initiative und grossem Einsatz vieler Modellflieger zustande ge-



kommen ist. Die Modellflieger haben dem AeCS ein grosses Geschenk gemacht, das auch den übrigen Sparten zugute kommt.


Kurze Zwischenepisode – Solarflug statt Frust

Leider konnte sich diese Erkenntniss beim AeCS erst durchsetzen, nachdem im Vorstand und Zentralsekretariat einige personelle Änderungen stattgefunden hatten. Die ganze Phase des Übergangs des JuLa von der Modellflugkommission zum AeCS gehört für mich leider zu den düsteren Erinnerungen im Zusammenhang mit unserem fliegerischen Dachverband. Doch, keine Zeit zum Wundenlecken: Bereits 1993 gründete ich zusammen mit Dani Bucher das wohl erste Solar-Fluglager der Welt.



Fliegen mit Sonnenenergie (fast 20 Jahre vor Piccard) hiess das Projekt. Eine Woche lang bauten und flogen rund 20 Jugendliche im Appenzellerland Solar-Flugmodelle. Dieses Projekt hatte sogar in der Fachpresse für erneuerbare Energie seinen Niederschlag gefunden. Grosse Unterstützung durften wir von der Elektrizitätswirtschaft erfahren. So spendete uns zum Beispiel die NOK Hunderte von kostbaren Solarzellen. Das Lager wurde fünfmal bis zum leider viel zu frühen Tod Dani Buchers durchgeführt.


Polyvalenz gefragt

Nach dem einstimmigen Entscheid der Modellflugkommission konnte ich mich frei an die Konzeptarbeit wagen. Ich begann mit der Suche nach Gesprächspartnern aus Schule, Berufsbildung und Flugsport. War es anfänglich die Idee eines reinen Modellfluglagers – Vorläufer waren ja die bekannten Bauleiterseminare auf Melchsee-Frutt (vorher Arosa und später Hahnenmoos) –, so entstand im enger Zusammenarbeit mit unseren beiden Pädagogen und Lehrern Joseph Eugster und Roland Schnyder die Idee, nicht nur Flugmodelle zu bauen, sondern weitere Fluggeräte. Joseph Eugster war grosser Drachenspezialist (Verfasser mehrerer Fachbücher für Lehrkräfte – deshalb auch Drachen-Sepp genannt) – und Roland Schnyder brachte von seinem Physikunterricht viel Erfahrung mit Montgolfieren mit. Da lag es auf der Hand, diese beiden Fluggeräte – neben dem Flugzeug – von Anfang an ins Programm aufzunehmen. Für den Balsagleiterbau konnte mit Werner Heise ein erfahrener Freiflieger und Kursleiter gewonnen werden. Für das Lager konstruierte er ein eigenes Modell «Grashüpfer». Dazu sollte sich ein namhafter Informationsanteil der Berufs- und Hobbyaviatik annehmen. Allerdings wurde ich deswegen aus Modellflugkreisen alles andere als nur mit Lob bedacht. Die sollen selber für ihre Sache schauen, hiess es. Im Weiteren durfte ich meine guten Beziehungen zu den Ausbildungsverantwortlichen von Swissair, Swisscontrol, Rega und Luftwaffe nutzen, indem diese Organisationen ihre Berufslaufbahnen und Anforderungen an abendlichen Vorträgen präsentieren konnten – wann immer es ging in drei Sprachen.



Dazu kamen Flug-Demonstrationen der Fallschirmgrenadiere, Deltaflieger, Luftwaffe usw. Zu den fast einmaligen Höhepunkten gehörten Gespräche der Jugendlichen mit Gletscherflieger Fredy Wysel oder etwa mit dem damaligen Segelflug-Schweizer-Meister Max Lamm. Gerne erinnern wir uns an die Überflüge mit der Mirage – Pilot war ein Modellflieger –, was dem Flugplatz Samedan ein paar hässige Telefonate eingebracht haben soll.



Das Pro Aero Jugendlager hat bis heute nichts an Popularität oder Attraktivität verloren. Das Grundkonzept ist geblieben. Planung und Organisation liegen heute zum grössten Teil beim Zentralsekretariat des Aero Clubs der Schweiz. Marco Schnyder leitet das Ganze seit rund 20 Jahren mit grossem Engagement und Können. Monate vor dem Lager sind eine Menge Vorbereitungen zu erledigen, Hunderte von Anfragen zu beantworten, Abmachungen zu treffen und Material zu besorgen, usw. Viele Modellflieger und Kollegen anderer Sparten unterstützen ihn dabei nicht nur während des Lagers selber, sondern bereits in der Vorbereitungsphase. Die sehr zahlreichen Anfragen und Kontakte aus breiten Kreisen der Bevölkerung verleihen dem AeCS nach meiner Einschätzung einen weit höheren und wohl auch sympathischeren Bekanntheitsgrad als die übrige, sogenannte Kommunikationstätigkeit. Das weiss man sehr wohl auch bei der Schweizerischen Stiftung pro Aero, die von Anfang an bis heute das Lager überaus grosszügig finanziell unterstützt hat. Damit können die Teilnahmegebühren in einer vernünftigen Höhe gehalten werden.


Das JuLa fügt sich wunderbar in ein «Nachwuchskonzept» des AeCS ein

Konzepte, die nicht im Büro, sondern in der Praxis entstanden, sind meistens die erfolgreichsten. Mit dem Pro Aero Jugendlager ist im AeCS eine Lücke in der Nachwuchsförderung geschlossen worden. Während die Modellfluggruppen mit ihren Bau- und Schnupperkursen auf der Primarschulstufe erste aviatische Körnchen säen, können die Regionen mit Workshops und Fluglagern auf der Sekundarstufe II einen Beitrag zur Vertiefung leisten. Das Pro Aero Jugendlager öffnet den Blick für die gesamte Aviatik im Berufswahlalter der Jugendlichen. Ausser dem US-Modellflugverband ist mir keine einzige Organisation bekannt, welche auf solch breiter Basis Jugendförderung betreibt. Als nächste Schritte in der Welt der Aviatik ist Sphair zu nennen, das die fliegerischen Talente bei der Jugend aufspüren und fördern will. Auch die zahlreichen Segel- und Motorflugschulen, Gleitschirmkurse usw. müssen als weitere Schritte genannt werden, und schliesslich das vielseitige Angebot an beruflichen Aus- und Weiterbildungsangebote in Flugzeugtechnik, Cockpit, Kabine und Management. Die modellfliegerischen Ausbildungen für Jugendliche und junge Erwachsene, welche nach dem JuLa erfolgen könnten, wären leider eher dünn gesät, wenn hier nicht viele Mitglieder unserer Modellfluggruppen fast täglich auf den Flugplätzen das Learning by Doing unterstützen würden; ehrenamtlich und unspektakulär, mit grosser Selbstverständlichkeit.



Ideale Vorbereitung auf SPHAIR

Das Jugendlager ist in meinen Augen Höhepunkt der Jugendförderung des AeCS. Es bietet jungen, aviatisch interessierten Menschen die einmalige Gelegenheit, mehr über die Möglichkeiten zur Verwirklichung ihres Traums zu erfahren. Die Jugendlichen können sich unter vielen Gleichgesinnten austauschen und sich von Profis informieren lassen. Eine ideale Vorbereitung auf SPHAIR! Wir schätzen die professionelle Organisation des Aeroclubs und die finanzielle Unterstützung der Stiftung PRO AERO ausserordentlich.


Prinzip der Chancengleichheit

Wenn fast 200 Jugendliche für eine Woche ein reichhaltiges und zeitlich straff organisiertes Programm vorgesetzt bekommen, so hat individuelle Förderung nur ganz be- schränkt – etwa im Rahmen eines Baukurses – Platz. Breite geht immer auf Kosten der Tiefe. Im JuLa haben alle die gleichen Herausforderungen und Chancen. Die Nase in möglichst viele Bereiche der Luftfahrt zu stecken ist das Ziel, und eine gute Entscheidungsgrundlage für spätere fliegerische Laufbahnen in Beruf und Hobby zu schaffen die gewünschte Wirkung. Selbst wenn im späteren Leben keinerlei fliegerische Aktivitäten mehr bestehen, so ist doch eine hoffentlich positive Einstellung zur Luftfahrt geblieben. Denn praxisnahe und ehrliche Information hat sich schon immer bewährt. Vielleicht wird eines Tages ein Hochschul-Forschungsteam solche Fragen im Zusammenhang mit unserem Pro Aero Jugendlager untersuchen wollen. Interessant wäre dies allemal. Ganz allgemein wird zu einseitig vom Start und vom Flug geredet, und zu wenig von der Vorbereitung dazu. Das JuLa ist die beste fliegerische Startvorbereitung. Sollte es den Verantwortlichen gelingen, weiterhin neue Entwicklungen und Tendenzen aufzugreifen und damit verbunden bei der Jugend immer wieder von Neuem Interesse und Neugier zu wecken, dann wird diese Einrichtung weiterleben. Allen Beteiligten ist dazu viel Glück zu wünschen.



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